Lange Beine ((150))

daan jeans hintern Mies Vandenbergh Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

Was macht ein Bild aus? Was braucht es, um besondere Beachtung zu finden, um als „Hingucker“ zu gelten? Je nach Genre sind es ganz bestimmte Bildelemente, die ein Bild zu einem Kunstwerk machen können. In diesem Beitrag möchte ich beleuchten, was es bei der Fotografie von Menschen, im Besonderen bei der Fotografie von Models, im sehr Speziellen bei der Fotografie von schönen weiblichen Menschen ausmacht. Dabei ist ein kleiner Ausflug in die allseits geführte Diskussion um Geschlechterrollen für mich ebenso interessant.

In Anlehnung an meinen Artikel „Look – über das Posing der Modelle“ möchte ich hier über die Beurteilung einer einzelnen Fotografie im Hinblick auf das Motiv schreiben. Im Bereich der People-Fotografie, ganz besonders der Fotografie von schönen Menschen wird manchen Bildern eine größere Beachtung geschenkt, als anderen Bildern. Dabei finden sich, sowohl im Bereich der künstlerischen Menschen-Fotografie (Betina LaPlante, Helmut Newton, David Hamilton, Steve McCurry, Andreas Bitesnich, Herb Ritts, usf.) wie auch im Bereich der professionellen Fotografie wie z.B. Werbung (Peter Lindbergh, David LaChapelle, Richard Avedon, Patrick Demarchelier, Annie Leibovitz, Albert Watson, Ellen von Unwerth, usf.) immer wieder Fotografien, denen besonders hervorragende Qualitäten attestiert werden. (Bei den genannten Fotografen und Fotografinnen sind die Grenzen zwischen professioneller Werbefotografie und Kunst für mich durchaus fließend!)

Wenn ich die einzelnen Fotografien genauer betrachte, und mich dabei frage, was es ist, das sie zu einem besonderen Werk machen, so finde ich neben den technischen Attributen wie Lichtgebung, Location und Accessoires ganz besonders – nicht ausschließlich, aber in der Mehrzahl der Motive – eines: Die FORM des abgebildeten menschlichen Körpers und des Gesichts in all seinen Einzelheiten. Was meine ich damit?

Ganz gleich, welches Werk ich als Beispiel anführe, es ist für mich oft ähnlich. Betrachten möchte ich als Beispiel folgende Fotografie, das 1993 von Albert Watson in Marrakesch aufgenommene Bild von Kate Moss.

Auf diesem Bild ist Kate Moss in Ganzkörperansicht abgebildet. Sie sitzt unbekleidet, im Halbportrait. Ihr Gesicht ist im Viertelportrait zu erkennen, deutlich sichtbar und von besonderem Ausdruck, wie ich finde. Dies ist für jeden sicherlich anders, doch in der Summe der Betrachtung kommt das Profil von Kate Moss besonders zur Geltung, und zwar in Gestalt ihrer Beine und ihres Hinterns, sowie ihres schlanken Torsos. Ihre wilden Haare, die ebenfalls enormen Anteil an der Wirkung der Fotografie haben, lasse ich bewusst außen vor.

Die Wirkung, auf die ich hinaus will, ist genau jene, die durch die -für mich- nahezu perfekten Proportionen ihres Körpers erzielt wurde. Auf dem Bild haben die Beine von Kate Moss ein nahezu ideales Maß, während sie in anderen Aufnahmen manchmal zu schlank aussehen. (Was sie ja auch tatsächlich waren)  Albert Watson hatte in seiner Serie diese Aufnahme vor sich, und traf Kate Moss in dem Augenblick, in dem die Proportionen ihres Körpers durch die Spannung ihrer Pose diese  -für mich- ideale Symmetrie erreichte. (Vorausgesetzt, man unterstellt deren Existenz)

Übertragen auf das Genre der People-Fotografie ergibt sich für mich folgendes: Ein Bild kann dann besonders gewürdigt werden, egal ob durch enorm hohe Preise bei Auktionen, wie mein Beispiel oder durch Aufnahme in beispielsweise die National Portrait Gallery in London, oder nur durch millionenfache Klicks im WWW, wenn die Proportionen des abgebildeten Menschen einem Ideal entsprechen, das allgemein anerkannt ist. Dadurch kommen Fotografien von Models und Schauspielerinnen wie z.B. Jessica Alba, Candice Swanepoel oder Tyra Banks zu ihrem Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad. Ein Bild von Farrah Fawcett-Mayors wurde über 12 Millionen mal als Poster verkauft und ist noch heute, fünf Jahre nach ihrem Tode, weiter erhältlich und beliebt.

Abschließend nach dieser Bestandsaufnahme noch der Bezug zur Gender-Diskussion. All diese Fotografien von wundervollen Körpern, ob nun bearbeitet (die Mehrzahl) oder out of the Cam, die in der Gunst der Betrachter so weit vorne rangieren, sprechen eine deutliche Sprache. Sie sind dann so beliebt, wenn die gefälligen Proportionen des Menschen SICHTBAR, machmal aber auch erahnbar sind. Zum Verhältnis der Geschlechter ist festzustellen, dass der Fokus während unserer Epoche in der Fotografie bekanntlich auf den Frauen liegt, wenn auch zaghaft eine Tendenz zur Angleichung festzustellen ist. Eine Begründung dafür an dieser Stelle möchte ich bewusst schuldig bleiben. In allen Bereichen der Fotografie zeigt sich das entsprechende Bild. In unserer Gesellschaft scheint die Schönheit der Frauen von beiden Geschlechtern akzeptiert. Nur wenige Stimmen rufen nach einem Ausgleich, Robert Mappelthorpe ist ein Beispiel für ästhetische Fotografien von Männern, auch er legt einen gezielten Fokus auf die Wirkung der Proportionen der Körper, dies gelingt ihm besonders eindrucksvoll.

Für mich ist die Wirkung der Proportionen des menschlichen Körpers ein wesentlicher Bestandteil einer Fotografie, wenn es um die Abbildung eines Körpers geht. Durch die Körperspannung, die Art der Pose sowie die Wahl des Aufnahmestandpunktes entscheidet sich die Qualität der Fotografie. Dabei spielt oftmals nicht einmal die tatsächliche Körperform und Proportion die entscheidende Rolle, sondern die Art und Kunst der Darstellung.

Wenn ein Körper im Bilde ein wesentliches Ausdrucksmerkmal der Aufnahme darstellt, kommt es darauf an einen Körper fotografisch so zu formen, dass dieser durch die Darstellung der ihm eigenen Formen den Betrachter anspricht. Dazu bedarf es der Linien und Konturen, Kontraste und Schatten, durch welche die Betrachter geradezu gefesselt werden.

Es ist vermeintlich nicht schwer, einen perfekt anmutenden Körper (Beispiel)  in Szene zu setzen, doch auch da beweisen unzählige Fotos im www, was manchmal nicht sonderlich gelingt. Eine viel größere Herausforderung kann es da sein, einen vielleicht dem gängigen Schönheitsideal nicht so nahekommenden Körper so zu fotografieren, dass er durch seine Linien dennoch besticht. Das halte ich für eine anspruchsvolle Aufgabe. Dabei ist es häufig so, dass nicht abgebildete, dadurch im Geiste des Betrachters fortgeführte Linien viel mehr Wirkung erziehlen, als blanke Fakten. Weniger ist so oft mehr. Hier fängt villeicht die Kunst an? Oder?

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