Leidensdruck und Aussehen, Teil I (147)

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Wenn sich ein Mensch nicht gefällt, leidet er darunter? Wenn ein Mensch mit einer seiner Körperpartien nicht zufrieden ist, leidet er? Ein in der Praxis der Schönheitschirurgie gängiges Schlagwort ist der „Leidensdruck“. Was hat es damit auf sich?

Befasst man sich mit dem Thema Schönheit, stösst man früher oder später auf das weite Feld der Schönheitsoperationen als probates Mittel, seinem Äußeren zu einem attraktiveren Erscheinungsbild zu verhelfen. Liest man weiter, so kommt man schnell zur Diskussion über „richtig oder falsch“, und man erfährt etwas über die gesellschaftliche Akzeptanz oder auch gesellschaftliche Vorbehalte diesem Zweig der Medizin, oder diesem Wirtschaftszweig gegenüber.

Abgrenzungen zur plastischen Chirurgie als fachliche Disziplin liegen vor zwischen reversibler Chirurgie – Wiederherstellung eines optischen Zustandes nach Krankheit oder Unfall – und Schönheitschirurgie im eigentlichen Sinne. Während die allgemeine Akzeptanz bei allen Beteiligten und in der Gesellschaft bei ersterem überwiegt, so führt die Operation auf Wunsch eines Einzelnen zur Steigerung/Angleichung seiner Schönheit an ein ideelles Vorbild zu Anfeindungen oder zumindest Diskussionen auf allen Ebenen.

Im Zuge der Auseinandersetzungen, die sowohl jeder Einzelne mit sich selber ausficht, wie auch die Erwägungen zwischen den Ausführenden, sowie die Stimmungslage der Gemeinschaft, in der der Einzelne lebt, findet sich der sog. Leidensdruck als Begründung für die Durchführung einer Schönheitsoperation. Ich möchte an dieser Stelle nicht werten, das steht mir nicht zu und führt zu keinem Ergebnis. Was mich daran interessiert ist die Bedeutung dieses Beweggrundes. Was bedeutet Leidensdruck? Wie ist er entstanden? Worin liegt er begründet?

Höchst gespannt wühlte ich mich durch die Literatur zum Thema. Ich befragte Menschen, philosophierte mit ihnen über die Möglichkeiten und gesellschaftlichen Ursprünge sowie über den Stellenwert des Aussehens in unserer Gesellschaft und dessen Entwicklung. Obwohl ich mir nicht anmaßen könnte, darüber zu urteilen, ab wann eine kosmetische Operation gerechtfertigt sein könnte und ab wann sie abzulehnen sei, so bin ich doch immer wieder genau dazu gekommen, mein Fazit zu ziehen. Ich habe für mich persönlich definitiv Stellung bezogen, gleichzeitig aber realisiert, dass für jedes Individuum sein eigenes Schicksal, sein eigener Kosmos, sein eigenes Leben mit den eigenen Zielen maßgeblich ist. Selbst bei noch so intensiver Hinterfragung bleibt die Sichtweise des Einzelnen das Maß aller Dinge.

Zum Leidensdruck. Ein Mensch leidet, wenn er mit sich unzufrieden ist? Könnte er es nicht ändern? Ja, könnte man ihm entgegnen. TU ES! Daraufhin beginnt der Mensch, sich zu verändern, um sein Bild, welches er von sich hat, oder welches ihm vorschwebt, zu erreichen. Dass letzteres der „Casus Knacktus“ ist, werden wir noch sehen. Doch zunächst kommen all die Mittel und Wege zum Einsatz, die bewirken, dem Wunschbild möglichst nahe zu kommen. Dabei sind objektiv betrachtet alle Mittel gleichwertig, denn sie dienen alle nur dem einen Zweck, nämlich zu ermöglichen, wovon der Einzelne träumt. Für die Sache an sich spielt es keine Rolle, ob sich der jenige mit Kosmetik völlig überdeckt, ob er sich zu einem Strich in der Landschaft hungert, mit Sport ein Muskelpaket erschafft oder sich die ein oder andere Scheibe Speck abschneiden lässt. Einzig die Ethik und Moral einer Gesellschaft macht daraus ein Tabu oder einen Standard. Wie es ihr beliebt. Über Moral habe ich schon mehrfach sinniert.

Wann entsteht nun der Leidensdruck? Wenn ein Mensch leidet, versucht er dies gemäß seiner Natur abzustellen. Solange ihm dies gelingt, ist die Sache verändert und erledigt. Doch wenn es ihm nicht mehr gelingt, dann staut sich etwas auf und da, wo ein Stau entsteht, entsteht auch Druck. Die ursächlichen Fragen, erstens, ob das, was der Mensch erreichen will, überhaupt ideal ist oder nicht, ob das Ziel also überhaupt realistisch und menschlich ist oder nicht, und zweitens, aus welchem Grunde der Mensch seine Ziele nicht erreicht, ob er zu schwach oder bequem ist, oder die Ziele wider seine Natur tendieren, ist der eigentliche Punkt in der ganzen Angelegenheit. Dazu komme ich später.

Die Mittel und Wege, die man einschlagen kann, sind, auch wenn sie jeweiligen moralischen und ethischen Maßstäben unterliegen, dennoch nur Mittel zum Zweck. Wie weit ein Mensch gehen möchte, obliegt seiner Überzeugung und nicht einer wie auch immer willkürlich entstandenen und gearteten Instanz. Solange es ausschließlich dieses Individuum betrifft. Der Mensch nutzt, was ihm erreichbar und möglich ist, immer! Manchmal leider, wenn es sich als falsch im Sinne der Evolution erweist, wobei sich diese oftmals selbst korrigiert. Ob der Mensch selbst als ein Irrtum der Evolution anzusehen ist, wird sich noch herausstellen. Das ist aber eine völlig andere Baustelle, die natürlich nicht minder interessant ist!

Immernoch Leidensdruck. Sämtliche Literatur und die darin erwähnten Erhebungen kommen zu einer Kernaussage: Die Menschen, die sich, mit welcher Methode auch immer, formen und ausgestalten (lassen) tun dies stets für sich selbst. So die Selbstaussage nahezu aller Befragten. Sie selbst setzen sich ein Ziel mit der Veränderung ihres Äußeren. Sie möchten anders wirken, anders erscheinen, anders scheinen. Und zwar in optischer Weise, in der sie von Mitmenschen wahrgenommen werden, bzw. meinen, von anderen wahrgenommen zu werden. Mit der Manipulation des Äußeren geht die Überzeugung einher, sein Erscheinungsbild in seiner Aussage zu steuern. Und tatsächlich, es funktioniert. Das aber sagt weniger über das Individuum aus, als vielmehr über das Environment, die Gemeinschaft, die Gesellschaft, wo genau das solch eine Wirkung erzielt. Spätestens hier ist der Kreislauf zu erkennen, der sich in der Abfolge von Ursache und Wirkung verliert, an dem sich erste Zweifel einstellen, in wie weit der Einzelne wirklich eine Manipulation seines Äußeren für sich selbst zulässt. Weiter in Teil II.

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2 Gedanken zu “Leidensdruck und Aussehen, Teil I (147)

    • Wenn ich z.B. in einem Straßencafe sitze, dann fotografiere ich schon mal gerne einen Hintern. Manchmal frage ich die Frau (oder den Mann, selten), ob ich ihren Po fotografieren dürfe. Neben manch verdutztem Ausdruck erhalte ich ebenso manchmal eine Erlaubnis, meist jedoch mit dem Zusatz „Aber nicht mein Gesicht.“ Manchmal kommen interessierte Fragen, warum ich das mache, genauso dreht sich manche Befragte empört weg. Auch kamen schon Personen nach einem Foto auf mich zu, fragten mich, ob ich denn sie fotografiert habe, worauf ich das sofort bejahte, und das Foto zeigen konnte, ebenso habe ich immer meine Visitenkarte dabei, auf der meine HP steht, sowie Name und Telefonnummer. Bisher war noch niemand ärgerlich, und ich denke, wenn man etwas entspannter mit der Streetfotografie umgeht, das lebt, und offen nachvollziehbar handhabt, so ist es alles nicht so verbissen. Meine Erfahrung ist die, je offener man auf die Menschen zugeht, desto freier oder bereitwilliger darf man ein Foto machen.

      BG

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