Schön zu sein, um in der Masse der Schönen unterzugehen (144)

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Mies Vandenbergh Fotografie

Welches Ziel fassen wir ins Auge, nachdem wir es erreicht haben, schön zu sein? Ist es die Erhaltung der Schönheit, und dies, so lange es geht?

Angenommen, wir haben es erreicht, schön zu sein. Weiter angenommen, wir gelten auch in der Öffentlichkeit als schöner Mensch. Wir alle wissen, dass dieses Bild der Schönheit nicht auf Dauer erhalten werden kann. Doch viele von uns versuchen es, wieder und wieder. Darüber möchte ich hier jetzt nicht schreiben. Ich möchte vielmehr fragen, was mit uns geschieht, wenn wir erreicht haben, was wir für unser Aussehen gewünscht, geplant, ersehnt haben. Was ändert sich, wenn wir zu den schöneren Exemplaren der Menschen gehören?

An jedem Tag, zu jeder Stunde, in jeder Minute geschieht es. Ein Mensch macht sich schön(er). Dieser Mensch kommt aus dem Fitnessstudio, ein anderer steht fertig geschminkt von seinem seinem Stuhl vor dem Spiegel auf, die nächste Person kommt stolz von der Nachuntersuchung der Brustvergrößerung, wieder ein anderer verlässt sehr zufrieden die Boutique an der Königsallee in neuem Outfit. All diese Personen vereint ein Gefühl. Sie gehören dazu, dazu zum Kreise der Gutaussehenden.

Sie alle setzen sich ab vom Kreise der „Normalen“, besonders jedoch von jenen, die nicht schön aussehen, denen z.B. die Klaue des Alters unverkennbar ihren Abdruck eingraviert hat, wie auch jenen, denen die Spuren des Lebens ihren Stempel aufgedrückt haben. Nur diejenigen, denen es an Kaufkraft zur gesellschaftlich diktierten Umgestaltung der eigenen Erscheinung fehlt, die werden argwöhnisch betrachtet,, vielleicht ähnlich zu denen, die sich dagegen entschieden haben, sich vornehmlich über ihr Äußeres zu definieren.

Und danach? Wenn ich es erreicht habe? Das, von dem ich annehme, dass ich nur dann eine Chance auf Glück (Partnerschaft, Freundschaft) und Erfolg (Beruf) und Ansehen (gesellschaftlicher Status) habe, wenn ich diese Attribute der Attraktivität aufweise? Wenn ich meine Falten im Gesicht mit Botox geglättet habe, meine Zähne überkront habe und sie daraufhin so weiß wie neu scheinen, und meine Nase wieder ganz symmetrisch und etwas kleiner in meiner Gesichtsmitte thront?

Werde ich plötzlich austauschbar? Werde ich ganz überraschend eines von vielen schönen Gesichtern werden, die uns allen von sämtlichen Medien her entgegenstrahlen? Ist vermeintlich an der Stelle, an der ich vorher mein eigenes, im Laufe des Lebens entstandenes Antlitz hatte, das sich meinem Wesen entsprechend entwickelte, etwas Neues kreiert worden? Steht es mir vielleicht zu, zu behaupten, dass ich sowieso und immer schon, während meines Lebens mein Äußeres manipuliert habe und dass ein stärkerer Eingriff nur ein weiterer kleiner Schritt ist in Richtung meines selbst gestaltetes Leben ist? Modelliere ich nicht mein Äußeres nur nach meinen inneren Werten, und ist es daher nicht geradewegs authentisch? Ist nicht eine kosmetische Operation nach einem Unfall mit der Wiederherstellung eines Zustandes von vorher nicht ein Beispiel dafür, dass ich mit meiner Aktion der Verschönerung gleichfalls eine Wiederherstellung vornehme, eine Wiederherstellung eines Zustandes, in dem ich vor noch kurzen Zeiten selbst verweilte?

Hat der Mensch den erwarten Erfolg, wenn er sich an diesem gesellschaftlich immer mehr in den Vordergrund gerückten Verständnis, ja, Leitbild von „Fitness, Jugendlichkeit, Schlankheit“ orientiert? Ist etwa ein Verlust von charakterlicher Individualität zu befürchten, wenn der Mensch sich äußerlich manipuliert. In wie weit definieren sich die Mitglieder einer Gesellschaft über die tatsächliche Durchführung von Manipulationen oder deren Unterlassung. Bin ich weniger wert, wenn ich meine Nase nicht richte?

Eine Vielzahl von Fragen, jedoch mit einer eindeutigen Tendenz. Es „scheint“ in der Tat so zu sein, dass sich der Erfolg der Manipulationen im wahrsten Sinne des Wortes auszahlt. Dabei ist die Währung nicht ausschließlich monetärer Natur, sondern nebst Glücklichkeit und gesellschaftlicher Teilhabe führt die Anerkennung des manipulierten Äußeren zu einer gefährlichen Überschätzung des Charakters. Eine gewisse Oberflächlichkeit geht entweder der Angelegenheit voraus oder folgt ihr stehenden Fußes.

Eine Austauschbarkeit, hervorgerufen durch meine Schönheit, durchkreuzt von der Ambivalenz vom Wunsch nach Schönheit und gleichzeitiger Konformität, im Dialog von Extravaganz und Durchschnittlichkeit, lässt eine bequeme Art der Nicht-Existenz entstehen. Ob dadurch eine in der Gesellschaft so überlebenswichtige Riege der reflektierenden Querdenker mit Ecken und Kanten abhanden kommt, steht dann zu befürchten, wenn das Augenmerk in immer stärkerer Weise auf den schönen Schein gelegt wird. Meine ich.

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