Lauter schöne Menschen (139)

 

Droug Jeans  Mies Vandenbergh Fotografie

Mies Vandenbergh Fotografie

Auf einem bequemen Bistrostuhl sitzend, draußen, im alten Café am Marktplatz im Zentrum der großen Stadt, dem Wetter ein Schnippchen geschlagen, weil es eigentlich noch etwas zu kühl ist, aber die Betreiber des Cafés mitdenkend, eine Decke zurechtgelegt habend, aus Gründen, die vermutlich eher den Drogenabhängigen geschuldet sind (drin darf ja nicht (mehr) Tabak konsumiert werden), für mich Drogenabhängigen die Allerweltsdroge Coffein in Form eines wundervoll kredenzten Latte Macchiato vor mir befindlich, in wahrer Vorfreude auf dessen Genuss, zusehend den Menschen, die, in allerwichtigster Manier in panikartigen Fluchtbewegungen -früher hätte ich diese Fortbewegung vielleicht gerade noch als schnelles Gehen erkannt- an den dekadent phlegmatisch das Kaffeeglas zum Munde führenden Gästen vorüber gleiten.

Da sitze ich, sehe den Menschen zu. Nehme sie wahr, nahezu jeden einzelnen, betrachte ihn auffällig unauffällig, in Bruchteilen von Sekunden, seinen Gang, vielleicht mehr einem Fluchtversuch vor dem eigenen Leben ähnelnd, als dem Weg von einem Ort zum anderen, sein Gesicht, seine Haare, den Körper. Zwangsläufig werden in mir Schubladen aufgezogen, in die ich -nur zu gerne- den ein oder anderen einordnen möchte. Manchmal ist meine Gegenwehr zu gering, um gerade das zu verhindern. Somit konnte ich den Menschen nicht retten. Dabei war er bestimmt ganz anders vom Wesen her. Meine Blicke, kaum an den Personen haftend, kämpfen sich wieder und wieder von oben nach unten am Menschen entlang, scheinen genau so getrieben, wie die Passanten selbst. Ich versinke scheinbar in der Menschenmenge. Doch in Wirklichkeit ist diese Betrachtung derartig oberflächlich, es könnten noch viele Menschen mehr sein und mein Auffassungsvermögen wäre noch lange nicht erschöpft. Es liegt einfach daran, dass mein Gehirn einen Filter anwendet, von dem mein Bewusstsein nur wenig erfährt.

Ich sehe die Menschen an, taxiere sie, weiß in genau diesem Augenblick, ob ein zweiter Blick lohnt, (be-)lohnt im wahrsten Sinne des Wortes, schätze ich ab, ob bestimmte Bereiche meines limbischen Systems so stark von der Erscheinung des gegenüber stimuliert werden könnten, dass unter diesen Umständen mit einer Ausschüttung eines bestimmten Hormons reagiert werden könnte. Wenn Schönheit für uns Menschen bedeutet, dass eine bestimmte Region in unserem Gehirn durch sie stimuliert wird und ein entsprechendes Hormon ausgeschüttet wird, dass uns, ähnlich wie das Dopamin oder andere Endorphine in einen positiven Gefühlszustand versetzt? Mein Bewusstsein könnte so mit Freude, positiver Überraschung, Faszination oder Begeisterung antworten. „Was für ein interessanter Mensch!“

Doch so schnell dieser Mensch auch erschienen ist, so schnell ist er vorüber geeilt, entzieht sich meiner Wahrnehmung. Er hinterlässt aber ein entsprechendes Muster in mir, wie die Wellen eines geworfenen Steins in den See. Je nach Stärke der Hormonausschüttung, oder Größe oder Wucht des geworfenen Steins, sind die Wellen mehr oder weniger heftig, je nach meinem persönliches Empfinden dieser Person. Mehr aus dieser Erinnerung, die von wallenden Gefühlen, die im Moment des Erblickens entstanden, heraus gesteuert wurde, formt sich ein Bild der Person, dessen subjektiv empfangenes Abbild durch diese Erinnerung unabwendbar verklärt wird. Das Bildnis verschwimmt zusehends, es macht einer Fiktion platz, die mehr vom entstandenen Gefühl gezeichnet lebt, als vom Gedächtnis.

Ich wandere mit meinen Augen entlang des Menschen, auf und ab. Schon während des Blickens verspüre ich die Absicht, dem Nächsten die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und wieder dem Nächsten und wieder dem Nächsten und immer so weiter. Von manchen Menschen reiße ich mich schwerer los, von anderen leicht. Von manchen, die ich gerade noch im Augenwinkel erfasste, habe ich dabei schon manches mal gedacht „VERDAMMT“! , „VERPASST!“.

Doch all diese Gedanken waren vergeblich! Warum? Nun, ich saß dort im alten Café am Markt im Zentrum der großen Stadt, auf einem bequemen Bistrostuhl sitzend, draußen, dem Wetter ein Schnippchen schlagend, weil es eigentlich noch etwas zu kühl war, aber die Betreiber des Cafés hatten mitgedacht, denn sie hatten eine Decke zurechtgelegt. Ich saß aber nicht nur einfach so da. Nein. Ich hatte meine Kamera dabei. Und ich habe all die Gedanken nicht gedacht, sondern ich habe mich mit Gegenlicht, Blende und Tiefenschärfe beschäftigt.

Ich habe, während ich über Bewegungsunschärfe und Verschlusszeit nachdachte, Vermutungen angestellt, was die Menschen, von denen ich in aller Offenheit ein Foto machte, wohl darüber dachten, dass ich sie ablichtete. Ohne auf dem Monitor meiner DSLR Fotos zu überprüfen -das mache ich nicht so häufig während der Straßenfotografie- sah ich fast jeden Menschen, den ich fotografierte, hinterher an, lächelte freundlich. Ich fragte mich, ob denn einer zu mir käme, und wissen wollte, was ich mit den Aufnahmen machte. Doch kaum einer von den vielleicht 30 abgelichteten Personen kam auf mich zu, der ich alten Café am Marktplatz im Zentrum der großen Stadt saß, auf einem bequemen Bistrostuhl, draußen, dem Wetter ein Schnippchen geschlagen, weil es eigentlich noch etwas zu kühl war, aber die Betreiber des Cafés hatten glücklicherweise mitgedacht, denn sie hatten eine Decke zurechtgelegt.

Der Latte Macchiato war wunderbar!

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