Zwecklose Schönheit? ( 138 )

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Mies Vandenbergh Fotografie

 

Kürzlich las ich in „Kallias“ von Friedrich Schiller über die Befreiung vom Zweck der Schönheit, damit die Schönheit durch das Fehlen jeglicher Zielgerichtetheit überhaupt erst zum Tragen käme.Das greife ich mit großer Begeisterung auf und führe diesen Gedanken gerne weiter.

Was bedeutet es, wenn Schönheit zielgerichtet ist? Dazu bedarf es einiger Vorüberlegungen. Nehmen wir an, ein Ding, ein Wesen ist existent. Woher auch immer, was auch immer, das soll bei dieser Betrachtung unerheblich sein. Dieses Wesen oder dieses Ding besitzt Schönheit. Zunächst soll es unabhängig nur bestimmt sein, einmal, für wen diese Schönheit existiert, und zum andern, was genau Schönheit beschreibt. Als Adverb könnte genauso hässlich hergenommen werden, oder eine für uns Menschen nicht wertende Beschreibung wie zum Beispiel „groß“ sein. Etwas besäße Größe! Es soll auch nicht näher bestimmt werden, worin sie zu erkennen wäre. Davon gehe ich zunächst als Prämisse aus. Folglich kann Schönheit –oder eine beliebige Eigenschaft– eine Wirkung nur dann haben, wenn ein Empfänger zugegen ist, dem diese Wirkung zu Teil wird. Das Kausalitätsprinzip wirkt entsprechend. Genau zu diesem Zeitpunkt greift die eingangs erwähnte Fragestellung, nur mit dem Unterschied, dass diese Wirkung einem Zweck dienen kann oder eben nicht.

Ich stelle die Frage, ob die angenommene Schönheit einem bestimmten Rezipienten als Schlüsselreiz dient oder ob die Schönheit da ist und keinerlei Wirkung auf den Empfänger ausübt (außer ihrer Erscheinung und Erkenntnis selbst). Angenommen, die Schönheit tut dies nicht, ist in keinster Weise zielgerichtet, wie würde es der Schönheit gerecht werden, und sie überhaupt erkannt werden? Gibt es Schönheit, wo sie nicht wirkt, kein direkter Sinn erkennbar ist? Wer nähme sie wahr, wenn sie doch frei von einem direkten Bezug sind?

Dass es wahr ist, wir in der Tat Schönheit erkennen, obwohl sie nicht direkt mit einem Zweck für unsere Existenz verknüpft ist, das ist jedem Menschen geläufig. In wie weit es dabei zu Parallelen kommt, zu Abläufen, die durch bestimmte Reize -durch unsere Sinne aufgenommen- in unserem Gehirn umgemünzt werden, und bestimmte Belohnungszentren heimlich doch bedient werden, das liegt auf dem Gebiet der Neurowissenschaft. Wir erkennen Schönheit wieder, Muster aus unserem Gedächtnis passen auf das Erkannte, wir erfreuen uns daran. Der entsprechende Bereich unseres Gehirns produziert Hormone, die in uns ein Gefühl erzeugen, das oberflächlich als erhaben, warm oder begeisternd beschrieben werden könnte.

Durch den Menschen erkannte Schönheit, die frei von Zweck ist, hat nach Schiller, wie ich ihn verstanden habe, erst die eigentliche, wahrhafte Bedeutung des Begriffs. Vielmehr ist er eigentlich frei von jeder Begrifflichkeit, denn in dem Moment, in dem ein bestimmter Begriff, der sich stets durch einen Sinn erklärt, zum Tragen kommt, hat das Ding oder Wesen die wahre Schönheit bereits verloren.

Am ehesten lässt sich dieser Zustand mit dem Szenario beschreiben, wenn uns vor Schönheit der Atem stockt, uns die Worte fehlen, wir sprachlos sind. In diesem Moment stellt sich die Frage nach einem Sinn und Zweck des Erkannten nicht. Eine Erläuterung erfolgt frühestens dann, wenn sich der erste Eindruck der Schönheit relativiert hat, unser Geist die sinnlichen Informationen von unseren Gefühlen übernimmt.

Als Beispiel mag eine Sequenz aus der „Carmina Burana“ von Orff oder die „Morgendämmerung“ von Sibelius hergenommen werden, diese Musik, die frei von Zweckdienlichkeiten uns eine Gänsehaut über den Nacken aufkommen lässt. Die Schönheit manifestiert sich in einer Abfolge von Tönen, im Prinzip willkürlich zusammengestellter Instrumente, die willkürlich aus mehr oder weniger natürlichen Materialien zusammen geschustert wurden, Materialien, die in ihrem Rohzustand, wie auch prinzipiell in ihrem vollendeten Zustand im Bezug zur Musik jeder Schönheit entbehren. Nicht dass ein Cello oder eine Oboe nicht auch schön sein könnte, davon soll hier nicht die Rede sein, doch für die Musik ist es erst einmal Faktum. Geht es aber um den Klang, dann ist es von absoluter Bedeutung, nämlich die Schönheit der Töne hervorzubringen, nur darauf kommt es an. Hier sei nur der Vergleich eines orchestralen Werkes zu einem Stück eines Digery Doo gestattet, welches gleichsam in der Lage sein kann, durch den virtuosen Könner bespielt, beseelte Töne von wunderbarer Schönheit hervorzubringen. Und wie viele Menschen aus unserem westlich geprägten Kulturkreis würden ein ausgehöhltes, geschmücktes Stück Eukalyptusholz als schön bezeichnen?In jedem Falle ist der Zuhörer ergriffen von einer Schönheit der Töne, die vordergründig frei von Sinn und Zweck für seine Existenz zu sein scheint.

Ähnliche Gedanken könnte man spinnen, wenn man einem Gemälde von Caspar David Friedrich oder William Turner gegenüber steht. Vielleicht wäre es ein ähnliches Gefühl der überwältigenden Schönheit, stünde man an den Orten, die den Künstlern als Motiv dienten. So erging es mir zumindest, als ich ähnliche Bilder bei meinem Besuch der Insel Rügen vorfand, ohne näher darauf einzugehen, in wie weit Friedrich die Natur idealisierte. Ist diese Schönheit nicht frei von Sinn und Zweck, so wie der Blick auf die Wasserfälle von Iguaçu oder die fallenden Seen von Plitvice?

Wie aber ist die Schönheit zu betrachten bei einem surrealistischen Gemälde von Dali oder (für mich) noch abstrakter bei einem Gemälde von Kandinski oder Klee? Gehe ich noch weiter ins (für mich) ganz Abstruse, zu einem Fettfleck von Joseph Beuys in der Düsseldorfer Kunstsammlung! Für eine Reinigungskraft war sicher keine Schönheit zu erkennen, sonst hätte sie sich sicher nicht an die Beseitigung des „Kunstwerkes“ gemacht. Finden wir darin -sicher befreit von jeglichem Sinn und Zweck- eine Schönheit wieder, die uns in einer bestimmten Form anspricht, erhebt oder erstaunen lässt? Die Antwort liegt in diesem Falle beim  Betrachter.

Die Frage, ob es stimmt, dass die vom Zweck befreite Schönheit als die eigentliche Schönheit angesehen werden sollte, oder ob ein Sinn eines Wesens oder einer Sache seine Schönheit nur vermindern oder gar noch verstärken kann, diese Frage kann jeder für sich selbst beantworten, wenn er sich die Zeit dazu nehmen mag. Ich bin da noch zwiegespalten, sehe ich doch für mich eindeutig eine wunderbare Schönheit im Körper (wie im Geist) eines Menschen, eine Schönheit, welche in keinster Weise frei von Sinn und Zweck (für mich) ist!

 

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