Schönheit: Wirkung und Auswirkung, ein Essay ( 137 )

Mies-Vandenbergh-Fotografie

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Für wen putzt du dich eigentlich so heraus? Für wen schlägt der Pfau sein Rad? Für wen setzt du -über dein ganzes Leben hinweg- all die Ressourcen ein und wendest diese Unmengen von Energie auf, um einem, vielleicht deinem, oder fremdbestimmten Bild der Schönheit möglichst nahe zu kommen? Wie konnte dieser Vorgang in Gang gebracht werden? Um diese Frage geht es in diesem Essay.

Du möchtest gut aussehen! Besser als du es jetzt tust? Du strebst nach einem Bild der Schönheit. Das Bild von dieser Schönheit – oder ist es nur eine Idee derselben – ist in deinem Kopf tief verankert. Seit Jahrhunderten oder länger suchen wir alle danach. Vielleicht nicht ein Leben lang, aber den Großteil doch.

Über die Dauer deines bisherigen Daseins auf diesem Planeten hat sich ein Geist, ein Wesen, eine Instanz gebildet, oder anders ausgedrückt, du selbst hast dich dahin entwickelt, wo du jetzt bist. Vieles hast du zugelassen, manches hast du abgelehnt, oft so gehandelt, wie es für dich am bequemsten war. Einige Kämpfe hast du gefochten, weil es trotz vermeintlicher Bequemlichkeit nicht mit deiner Idee vom „richtigen“ Leben vereinbar war. Manchen Sieg hast du errungen, manche Niederlage erlitten, aber, vielleicht öfter, als dir lieb ist, einfach nur kapituliert. So wurdest du im Laufe deiner Erfahrungen und Erlebnisse zu dem, was du heute bist. Dich zeichnet aus, unter vielen, vielen anderen Gesichtspunkten, was du mit deinem Äußeren heute darstellst. Dein Körper ist das sichtbare Ergebnis deiner Metamorphose.

Bevor ich zu einem späteren Zeitpunkt im geplanten zweiten Teil dieses Artikels auf die Entstehung von der Idee der Schönheit -in Bezug auf das menschliche Aussehen- eingehen werde, möchte ich den Zustand erfassen, in dem wir uns gerade befinden. Mittels konventionalisierter Körpersprache agieren wir schon mit dem bloßen Akt unseres Auftretens. Warum das so ist, folgt hiernach.

Wie erfährst du dich selbst und wie nimmst du deine Mitmenschen wahr? Du hast eine Wertvorstellung entwickelt von dem, was Schönheit ausmacht, nicht wahr? Deine subversiven Überzeugungen, was dein Urteil über dich selbst, wie auch über andere Menschen hervorbringt, lässt dich ständig bewerten. In jedem Moment, wenn du einem Menschen begegnest, wird in Bruchteilen von Sekunden das Urteil gefällt, ob du willst oder nicht! Du kannst nicht anders. Ebenso wenig, wie dein Gegenüber. Sicher, du kannst bei einer Begegnung schweigen, nichts sagen, dich heraus halten, still beobachten aus dem Hintergrund, am liebsten aus sicherer Entfernung, aber dein Körper kann es nicht. Geht nicht, weil du da bist. Du blickst, du wirkst unweigerlich mit Gestik und Mimik, mit Haltung und Motorik, selbst dann, wenn du meinst, du machst gar nichts! Sei dir gewiss!

Und du, du beurteilst, du bewertest, du schätzt ab und ein, ordnest ein und vergleichst. Ob da einer steht, schweigt, redet, lacht, melancholisch drein blickt, ganz egal. Deine Intuitionen und Instinkte laufen zuerst ab, ohne dass dein Bewusstsein davon Wind bekäme. Dein Hirnstamm hat bereits längst alles analysiert. Danach geht es nur mühsam weiter. Nach und nach wird eine Jury aus genau definierten Mitgliedern gehört. Deren Empfehlung folgt deine Erkenntnis deshalb immer, weil sie es gar nicht anders vermag. Normatives Verhalten, entstanden aus einer Aktionsordnung, die unser Verhalten erwartbar machen, prägen unsere Entscheidungen.

Wer aber ist diese Jury? Nun, jeder kennt seine eigene Jury genau. Ausführungen, wie etwa „Ich möchte es so nicht!“, oder „Ich meine, dass es sich so verhält und nicht anders“, oder „Ich empfinde es in dieser oder jener Weise und nicht anders!“ geben einen Hinweis auf deine Jury. Im Einzelnen besteht diese Jury aus folgenden Mitgliedern:

Erfahrung:
Da wäre dieser erste Teil der Jury, deren Gruppe unter dem Begriff „Erfahrung“ bekannt ist. Jede Erfahrung, die du im Laufe deines Lebens machst, wird deinem „Konto“ gutgeschrieben, das kann auf der Haben-Seite stattfinden oder auf der Soll-Seite geschehen. Jede einzelne dieser Erkenntnisse wird ihren ganz speziellen Teil zur Bildung eines Urteils beisteuern. Leider fließen die Erfahrungen jedes Mal ohne die Möglichkeit einer vorherigen Erhebung über ihren Wahrheitsgehalt mit ein. Die Aussage: „Das kenn‘ ich, dass weiß ich, das habe ich schon erlebt, das ist so und kann gar nicht anders sein!“ beschreibt es treffend. Existenzsicherung hat etwas mit zuverlässiger Einordnung unbekannter Materie zu tun. Wie suchen geradezu Anhaltspunkte, aus denen wir -oftmals/meistens allzu schnell- erschließen können. Da wieder heraus zu kommen ist vergleichsweise mühsam, unbequem und mit Aufwand verbunden, dem wir möglichst ausweichen möchten.

Moral:
Eine weitere Gruppe der Jury lässt sich unter dem Pseudonym „Moral“ zusammenfassen. Deren Mitglieder wurden dir ursprünglich mit auf den Weg gegeben. Verschiedene Instanzen prägten deinen Charakter. Du trägst die Moral solange mit dir herum, bis du sie kritisch hinterfragst und auf ihre Kompatibilität zu deiner Lebenseinstellung, zu deinen [sich immer wieder variierenden] Zielen und deinen gesellschaftlichen Verknüpfungen hin überprüfst. Manche Überzeugung entfällt infolgedessen sogleich, einzelne später, etliche bleiben erhalten. Deren Aussage lautet: „Wie sieht das denn aus, das geht ja gar nicht, wie kann der nur, weiß der nicht, dass es so gar nicht sein kann, sein darf, wo soll das hinführen!“

Sitte:
Eine zusätzliche Gruppe besteht aus Mitgliedern der gesellschaftlich-sozialen Komponente der Jury, die ich unter dem Begriff „Sitte“ einordnen möchte. Sie agiert in starker Konkurrenz zur vorgenannten Gruppe. Diese setzt sich zusammen aus den Vorbildern unserer Gesellschaft, aus den vermittelten Werten der Gemeinschaft, der Einwirkung durch aktuelle Umstände, zusammengefasst aus dem daraus entspringenden Handeln. Sie lässt ihr Urteil subtil, mit einem faden Beigeschmack verlesen, nämlich unter dem Joch des Dazugehörigkeitsgefühls. Die wenigsten unter uns sind Trendsetter oder Menschen mit ausgeprägtem Selbstvertrauen, die ihren eigenen Stil leben können. Anpassung, Unauffälligkeit, Mitmachen und immer schön unterdrücken hält ihren Geist und ihre Seele allzu oft gefangen. Ihre Aussage: „Was sollen denn die Nachbarn sagen, was sollen denn die Kolleginnen denken, was soll denn mein Freundeskreis machen, wenn ich das täte? Nein, wie sollte ich das denn erklären, und überhaupt, nein, nein!“

Nun haben wir einen Teil der Jury kennengelernt. Aber, wenn wir ehrlich sind, müssen wir nicht zugeben: „Wir kennen sie alle schon!“ Oder?
Du weißt, ein Zusammenleben erfordert Übereinkünfte. Du bist nicht allein. Es fängt sehr früh an, z.B. bei einem unserer 4 Grundbedürfnisse: Nahrung. Es gibt einen Apfel. Bist Du allein, isst du ihn. Bist du nicht mehr allein, und gibt es noch immer nur einen Apfel: Teilen. Aber wie? Da gibt es viele verschiedene Faktoren: Wer unter euch ist wie groß? Wer arbeitet wie viel? Wer ist wie gesund? Wer hat schon vorher wann und wie viele Äpfel vertilgt? Du merkst es? Und dabei handelt es sich noch um ein recht einfaches Beispiel. Übereinkünfte regeln manches, sie sind notwendig, aber sie bedürfen der ständigen Überwachung auf Sinnhaftigkeit im Sinne derer, die sie maßregeln.

Wenn du jetzt wieder zu deinem Urteil zurückkehrst, welches du (-oder deine Intuition, dein Instinkt, deine Gefühle) über die Schönheit, das Aussehen und die Erscheinung eines Menschen abgibst, so erkennst du, dass es zunächst nur ein zutiefst oberflächliches Ansinnen ist. Trotzdem gilt, die Bedeutung dieses ersten Urteils, dieses ersten Eindrucks ist in allen Fällen gegenwärtig einer extremen Überbewertung ausgeliefert.

Die Erkenntnis, dass es sich bei dem ersten Eindruck nur um ein oberflächliches Bild eines Menschen handelt ist zwar in den meisten Menschen latent vorhanden, aber sie fristet leider bisher nur ein bescheidenes Dasein. Sobald dein Fokus aber stärker darauf gerichtet werden würde, entkämst du vermutlich immer häufiger diesem Diktat. Du könntest lernen -und es beherrschen- hinter die Fassade eines jeden Menschen zu blicken, der es dir Wert ist. Und -in diesem Zusammenhang- vielleicht sollten wir die Wertigkeit der Menschen ebenso überdenken, gehen wir doch allzu oft zu leichtfertig mit dem Wert der Menschen um!

Wie oben schon angedeutet ergänze ich nun, dass der erste Eindruck, welchen wir von einem Menschen gewinnen, gerne von unserem Ego vehement verteidigt wird. Oft sogar noch wider alle neuen Erkenntnisse versuchen wir alles, um eine Person in der von uns zugewiesenen Schublade zu halten. Dazu finden sich etliche grundlegende Studien. Wie gern hören wir von uns doch die Worte: „Siehste, hab‘ ich’s doch gewusst, hatte ich nicht recht!“ Das bedarf kaum einer Bestätigung, was meinst du?

Wie schwer es ist, den Schein der Person, die gerade vor mir steht, genau als das, nämlich einen Schein, ein Bild sein zu lassen, und dem Wesen hinter der Erscheinung meine Aufmerksamkeit zu schenken, weiß ich nur zu gut, habe ich doch selbst noch einigen Bedarf der Aufklärung. Aber ich bemühe mich, versuche wach zu bleiben, mit jedem noch so kleinem Schritt voran zu kommen, und mein vorschnelles Urteil bald zu hinterfragen. Ich hoffe, für DICH ist auch eine Perspektive, und es wird für Dich selbst erkennbar, das wäre wundervoll.

 

 

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