Natürlichkeit (126)

gru jeans hintern   mies vandenbergh fotografie

mies vandenbergh fotografie

Was sehe ich, wenn ich einen Menschen ansehe, wieviel von seiner natürlichen Schönheit und wieviel von seiner Verkleidung nach dem Diktat der Mode, danach frage ich in den folgenden Zeilen.

Wie häufig sehe ich Menschen in ihrer natürlichen Schönheit? Dazu stelle ich mir die Frage nach der Definition der natürlichen Schönheit. Was macht natürliche Schönheit aus? Die meisten Menschen erkennen dann eine gewisse Natürlichkeit, wenn ihr Gegenüber ungeschminkt, mit zerzausten Haaren und mit wenig ablenkender Mode verkleidet vor ihnen steht.

Schon an dieser Stelle findet sich die erste Hürde, denn es ist höchst umstritten, an welchem Punkt die Mode in das natürliche Aussehen eingreift. Einige Stimmen sprechen bereits dann von Verkleidung, wenn die Person nicht nackt ist. Für sie ist alles andere als nackt schon künstlich hervorgebrachte Veränderung am Menschen. Dabei ist es unerheblich, welche Kleidung es ist, ob es sich um ein Kleid von Versace oder einem Bärenfell handelt. Unstrittig ist und bleibt die Veränderung, denn nur nackt bleibt der Mensch ohne jede Möglichkeit, mit Kleidung eine klar definierte Aussage zu treffen. Für jeden von uns sind bestimmte Kleidungsstücke mit einer klar abgegrenzten Aussage verknüpft. Die Bilder im Kopf mag bei ihrer Nennung jeder für sich selbst überprüfen:

· Der Anzugträger!
· Die Dame im Abendkleid!
· Der Mann in Jeansjacke und Lederhose!
· Die Dame in Stilettos und Minirock!
· Der Mann im Ballonseide-Trainungsanzug!
· Die Dame im Ozelot-Mantel!

Mit jeder dieser Personen assoziieren wir bestimme Eigenschaften, sowohl auf beruflicher wie auf privater Ebene. Aber genau so, wie wir bestimmte „Vorurteile“ und vorgefasste Erwartungen an bestimmte Kleidungsstücke pflegen, so schnell geraten wir in Unsicherheit oder Verblüffung, wenn uns eine Person eines gewissen Standes in nicht adäquater Kleidung vorgestellt wird. Unsere gesellschaftliche Prägung übt dazu eine Menge Einfluss aus. Selbst wenn diese konträren Bilder in den Medien hin und wieder auftauchen, und uns damit ein wenig auf die möglichen Widersprüche vorbereiteten, so wird jeder selbst nachempfinden können, welchen Gedanken er erläge, würde ihm ein Bundesminister oder Vorstandsvorsitzender einer Bankenaufsicht in Lederkutte und Cowboystiefel vorgestellt werden! Wie wäre unsere Einschätzung der Glaubwürdigkeit in eine Ärztin während der Visite, begegnete uns diese Ärztin in Shorts, Tank-Top und offenem langen Haar? Wäre diese nicht in höchstem Maße gefährdet? Davon bin ich zutiefst überzeugt!

Zurück zur eingangs gestellten Frage nach dem Punkt, an dem von uns noch Natürlichkeit attestiert werden würde, bzw. an dem schon Verkleidung stattfände. Die erste Unterscheidung kann ich machen, indem figurbetonte Kleidung mit legerer Kleidung verglichen wird. Während bei ersterer die körperlichen Äußerlichkeiten deutlicher zu Tage treten, ist bei der zweiten Variante kaum etwas von den Proportionen des Körpers zu erkennen.

Einen Grad für Natürlichkeit allein daraus zu formulieren dürfte wiederum zu Diskussionen führen. Die figurbetonte Variante könnte ich zwar durchaus als natürlich bezeichnen, gibt sie doch die natürliche Form des Körpers wieder, doch bei dieser gaukelt die Stützfunktion eng anliegender Kleidung definitiv positive Eigenschaften vor. Viel besser mutet weite Kleidung auch nicht an. Versteckt diese doch die natürliche Form des Körpers meist gänzlich, die dem Betrachter wesentliches über die Attraktivität des gegenüber verriete. Vielleicht kommt der Träger etwas näher an die Eigenschaft Natürlichkeit heran, wenn er weder enge, noch zu weite Kleidung trägt. Auch Zurückhaltung bei der Wahl der Materialien ist geboten. Dies dürfte aber nicht allzu schwer fallen.

Komme ich zu einem weiteren Punkte. Bei der Bemalung des Gesichts herrscht unter den Menschen weitestgehend Einigkeit: sichtbar geschminkte Personen entbehren jeder Natürlichkeit! Doch genau darin liegt die Besonderheit der gekonnten Maske: Männer und mehr noch Frauen, die in sämtlichen Medien auftauchen, sind derartig dezent sichtbar geschminkt, dass ein fachfremder Betrachter oftmals keine Schminke erkennt. Wieviel Arbeit und Können, Zeit und Aufwand hinter einem solchen Bild steckt, das weiß nur einer, der es kann und derjenige, dem es zuteil wurde. Somit beweist Natürlichkeit in den allgegenwärtigen Medien fast immer ein Trugbild!

Auf der Straße verhält es sich ein wenig anders. Die wenigsten Menschen können sich einen Maskenbildner vorderster Güte leisten. Dort ist es meist sofort ersichtlich, ob die Person ungeschminkt oder in Kriegsbemalung daherkommt. Die Natürlichkeit erscheint in der realen Öffentlichkeit leichter erkennbar, meine ich.

Bei der Betrachtung der Frisur ist im Prinzip ähnliches zu konstatieren, wie bei der Schminke. Gezielt gestyltes „wildes“ Haar ist nur schwer auszumachen, ungepflegtes fast immer und natürliches Haar ist offensichtlich natürlich.

Damit bin ich der Beantwortung der eigentlichen Frage schon ein gutes Stück näher gekommen: natürliche Schönheit ist so leicht nicht zu definieren, doch Übereinkünfte der Gesellschaft hinterlassen deutliche Hinweise. Natürlichkeit finde ich umso häufiger, je jünger die Menschen sind. Gesichtszüge zu erkennen ist ein weiteres probates Mittel, den diese werden nur selten stark verändert oder entstellt. Nicht umsonst sprechen Forscher und Wissenschaftler von standardisierten Typenbezeichnungen: kaukasischer oder indogermanischer, asiatischer oder negroider Typus sind, zwar teils veraltete, aber gängige Termini. Bewegungsmuster ergeben ein untrügliches Bild, denn auch darin spiegelt sich eine Natürlichkeit wieder. Nur sehr wenige Menschen sind fähig, diese eingeübt vorspielen zu können.

Unter den weiteren verbleibenden Anzeichen für Natürlichkeit ist -mit an vorderster Stelle- der Blick zu nennen, der zwar durch vielfältige kosmetische Manipulationen an den Augen verstellt werden kann, doch meist nicht so, dass diese unentdeckt blieben. Künstliche Wimpern, ausgerupfte Augenbrauen durch einen Farbstift ersetzt, dunkle Augenlider und Kajal über die Augen hinaus geben dem Blick des Menschen eine völlig andere Kraft. Diese Manipulationen sind viel deutlicher sichtbar, als beispielsweise die Haut verändernden Puder. Natürlichkeit bleibt so verdeckt.

Stimme und Gestik sowie Mimik verrät uns eigentlich immer, wer es lesen kann, für den ist unser künstliches Schauspiel ein offenes Buch.

Das Fazit: Für wieviel Natürlichkeit ist der Mensch geschaffen? Sowohl der Betrachter wie auch der Betrachtete ist vermutlich noch gar nicht so weit, als dass er auf Maßnahmen zur Verschönerung seiner Erscheinung verzichten könnte. Im Moment scheint es so zu sein, als dass die Fähigkeit selbst, sich zu manipulieren, als Zeichen dafür gewertet wird, einen gewissen Wert in der Gesellschaft zu versprechen. Das halte ich jedoch für einen Trugschluss, der uns in die Irre führen wird!

ZUSATZGEDANKE:

Vielleicht ist der Mann mit dem Haus, dem Boot, dem Auto, dem Pferd und dem Motorrad doch nicht der Idealfall für die Gründung einer erfolgreichen Familie, weil er in seiner 68 Stunden Woche keine Zeit findet, seinen Nachwuchs mit groß zu ziehen? In einer Welt von Haben statt Sein mag dieses Modell zum Erfolg führen. Nur frage sich ein jeder, ob das die Welt sein wird, die wir uns für unsere Zukunft wünschen. Ich selbst lehne das ab! Ich selbst meine, wir sollten mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, der Gesellschaft wieder einen Geist von Sein einzuhauchen.

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