Ein durchschnittlich schöner Mensch (120)

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Im folgenden Artikel möchte ich von der Vorliebe der Menschen für die Durchschnittlichkeit berichten, die darin ihre Bestätigung findet, als dass der Mensch den durchschnittlichsten Partner für den attraktivsten hält.

Darüber, dass in vielen Untersuchungen der Attraktivitätsforschung sog. gemorphte Gesichter, d.h. künstlich durch Überlagerung mehrer realer Gesichter erschaffene Fotografien, einen größeren Zuspruch erhielten, als deren zu Grunde gelegte Originale, habe ich bereits geschrieben. Beispiele dafür sind gleichfalls im Tierreich zu beobachten. Solche Tiere mit außergewöhnlich ausgeprägten Merkmalen, die weit entfernt vom Durchschnitt der Art in ihren Äußerlichkeiten auffallen, haben bei der Partnerwahl auffallend schlechte Chancen. So wurde z.B. Vögeln mit prächtigem Gefieder im Zuge der Balz ein paar noch „schönere“ Federn angeheftet, was zur Folge hatte, dass das Männchen bei den Weibchen glatt durchfiel und mit keinem Auge bemustert wurde. Gesucht wird also der optimale Vertreter der Art! Und wer ist das? Meist derjenige, der all die Attribute in sich vereint, welche die Art ausmachen.

Bei uns Menschen ist es ähnlich, wie anhand des oben genannten Beispiels belegt werden kann. Wir finden jene Menschen im Normalfall eher attraktiver, die nicht zu groß sind, nicht zu klein; nicht zu dünn sind, nicht zu dick; nicht zu breit sind, nicht zu schmal; nicht zu lange Beine haben, nicht zu kurze; nicht zu dicht zusammen stehende Augen haben, aber auch nicht zu weit auseinander stehende, usf.

Das Wort „makellos“ trifft die Sache ungemein gut. Die Menschen streben in allen Kulturen, zu allen Zeiten, aus denen uns Überlieferungen vorliegen, immerzu nach einer idealen Erscheinung. Es ist zwar so, dass diese Ideale -je nach Kultur- variieren, doch eines ist allen Kulturen gleich: Das Streben nach Jugendhaftigkeit! Exakt dieses Erscheinungsbild manifestiert sich in genau definierten Standards. Es sind in unserer Gesellschaft z.B. bei der Frau eine Haut ohne Makel, einem festem Gewebe an Bauch, Beinen, Po, eine straffe Gesichtsform, eine schlanke aber nicht dünne Erscheinung, ein makelloses, weißes Gebiss, ebenmäßig geformte Beine, ein wohlgeformter, nicht zu großer Hintern, ein stammer, größerer, aber nicht zu großer Busen und glänzendes, volles Haar. Vorwiegend sind dies klar erkennbar die Attribute der Jugendlichkeit.

So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass die Bemühungen der Frau genau auf die Optimierung in diesen Bereichen abzielt. Von den unendlich wirkenden Regalen gefüllt mit Cremes und Peelings aller Art, den vielen Fitnesskursen bishin zu den Eingriffen durch plastische Chirurgie in Form von Fettabsaugungen, Brustvergrößerungen, Einsetzen eines vollständigen, neuen, künstlichen Gebisses, Einspritzungen unter die Haut oder Begradigung des Nasenbeins sind das die Mittel und Wege zur Erreichung der Ziele. Der Mann, einst ein Kosmetikmuffel, gehört zunehmend erfolgreicher zum Klientel der Kosmetikindustrie.

Nicht in allen Zeiten war die Frau die stärker künstlich hergerichtete Person in der Gesellschaft. Zur Zeit des Barock, mit dem Höhepunkt im Rokkoko, schminkten sich die Herren der Schöpfung in Form bleiweiß gekalkter Gesichter bis zur völligen Vergiftung der Haut. Rote Lippen hoben den Mund des Herren an. Überdimensionale Perücken zierten sein Haupt, und enge Strumpfhosen, zu neudeutsch „Leggings“ genannt betonten seine nicht immer muskulösen Wadenbeine und Oberschenkel. Was vornehmlich den besser betuchten Herrschaften vorbehalten war, fand im gemeinen Volk kaum Anwendung. Auch heutzutage ist es ähnlich. Je größer der eigene Geldbeutel, desto ausgeprägter und mannigfaltiger finden wir die körperlichen Manipulationen vor.

Die Menschen versuchen während all dieser Strömungen und Modewellen möglichst im Mainstream mit zu schwimmen. Die Mode wird von einigen Trendsettern geprägt, um anschließend von der Masse übernommen zu werden. Übertreibe ich es, werde ich wie das Männchen mit der zusätzlichen Feder aus o.g. Beispiel als „bunter Hund“ allenfalls betrachtet oder begafft, nicht aber als ernsthafter Partner in Betracht gezogen. Dazu wäre ich nicht durchschnittlich genug.

Bekanntlich findet dieser Hang zum Mittelmaß einen weiteren Ausdruck in der starken Bevorzugung von Symmetrie bei der Bewertung von Gesichtern und Körpern. Denn die Symmetrie gilt als ein Indiz für die Gesundheit und die Jugendlichkeit des Betrachteten. Ein unsymmetrischer Körper deutet scheinbar darauf hin, dass bestimmte Umwelteinflüsse beim Menschen selbst oder bei seinen Vorfahren nicht ohne Folgen blieben. Damit kann die Eignung für die Erhaltung der Art zumindest teilweise in Frage gestellt werden. Dabei handelt es sich um genetisch fest geschriebenen Vorgänge. Entziehen können wir uns nur schwer, weil sie im Hintergrund, aus dem Unterbewusstsein heraus wirken. Sie sorgen also dafür, dass wir möglichst gesunde Partner bevorzugen, und das nicht nur für die Arterhaltung.

Es zielt in alle Lebenslagen hinein, denn wir umgeben uns, wo wir die Wahl haben, stets bevorzugt mit schöneren Menschen. Doch kurios in unserer Gemeinschaft ist das Phänomen, dass zu schöne Menschen tatsächlich einem Problem gegenüber stehen: sehr attraktive Personen werden oft genau auf diese Äußerlichkeiten reduziert, was dazu führt, dass es nicht leicht für sie ist, objektiv und mit „normaler“ Neugier vom Gegenüber erkannt zu werden.

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