Die Tabus des Menschlichen, Teil 3 (104)

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Nun also zu den gesellschaftlichen Verflechtungen innerhalb der verfänglichen Begrifflichkeiten. Politisch unkorrekt sind bei weitem nicht nur Themen den Hintern betreffend. Im vorherigen Beitrag stellte ich folgende Überlegungen an:

· Ist das Tabu des Hintern unhinterfragt, strikt, bedingungslos?

· Ist das Tabu des Popos stillschweigend etabliert, aus praktiziertem gesellschaftlichen Regelwerk bestehend, das unseren Umgang miteinander reglementiert?

· Wird das Tabu des Gesäßes jeglicher rationalen Begründung und Kritik entzogen?

Wenn etwas nicht ausgedrückt wird, wenn über etwas nicht gesprochen wird, so kann man es nicht in Frage stellen. Um etwas zu kritisieren, sollte man sich mit diesem Faktum aus möglichst vielen Richtungen annähern, es von allen Seiten beleuchten, und die Ergebnisse formulieren. Doch bereits in frühester Kindheit wurden und werden wir dahingehend konditioniert, dass der Podex etwas mit Schmutz zu tun hat. Unsere Exkremente sind demnach etwas, was man nicht ansieht, geschweige denn begreift. Dabei wurde und wird so gründlich vorgegangen, dass selbst körperliche Beschwerden oder Erkrankungen bei den Ärzten nur widerwillig vorgebracht werden. In medizinischen Fachzeitschriften wird darüber berichtet, dass Patienten auffallend häufig zu lange warteten, um ihre Beschwerden vorzutragen. Dadurch würde die Heilung oft unnötig erschwert. Genannt werden dabei die Hämoriden, Beschwerden mit der Prostata, und die verhältnismäßig leichten Symptome wie Juckreiz am Annus oder Blut im Stuhl.

Wie entstand dieses Bild in den Köpfen der Menschen? Warum überlebte dieses Tabu bis in die heutige Zeit hinein trotz aller Liberalisierungen, Aufklärung, und der vermeintlichen Revolution der 1968er Jahre? Trotz aller Aufklärung, die unsere moderne Gesellschaft für sich beansprucht, werden -wenn überhaupt- solche Themen wie das Gesäß nur verschleiert erörtert oder lieber möglichst verschwiegen.
Formuliere ich die Tabus einmal aus, so lauten sie wie folgt:

· Fasse den Po nicht an!
· Denke nicht über den Hintern nach!
· Spreche nicht in der Öffentlichkeit über den Podex!
· Sehe den Knackarsch nicht offensichtlich an!
· Schenke deinen Pobacken keine besondere Aufmerksamkeit!
· Berühre deinen Popo ja nicht in der Öffentlichkeit, wenn dir mal etwas daran juckt!

Doch wir alle wissen es dennoch besser: Wir fassen unseren Po an, wir denken darüber nach, wie wir den Hintern in Form bringen, wir sprechen über den Podex mit Freunden, in der Familie und mit Kollegen, wir schauen dem Knackarsch -meist nur heimlich- hinterher, wir massieren gerne die Pobacken des Partners und wir berühren unseren Popo natürlich, wenn er mal juckt, immer dann, wenn wir glauben unentdeckt zu sein.😉

Also wissen wir es besser!? Warum also diese Handlungsweise, wozu brauchen wir dieses Vesteckspiel?

Der Soziologe Karl Otto Hondrich erstellte ein „Tabu-Prinzip“, das besagt, dass es in allen Gemeinschaften ein überlebenswichtiges „Verbergen“ von bestimmten Dingen gibt, die nicht benannt beziehungsweise kommuniziert werden sollen: „Gruppen und Gesellschaft könnten nicht bestehen, wenn alle ihre inneren Widersprüche und Übel sich offenbarten. Sie ausdrücklich zu ‚verbieten‘ würde nichts nützen, ja die Sache eher schlimmer machen. (…) Demgegenüber verhindert das ‚Tabu-Prinzip‘ mit seinen tiefen Gefühlen von Ekel und Abscheu, dass das Böse überhaupt benannt und berührt wird.“

Michel Foucault hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass es „keine Kultur auf der Welt (gibt), in der alles erlaubt ist“, und meint, „dass der Mensch nicht mit derFreiheit, sondern mit der Grenze und der Scheidelinie des Unübertretbaren beginnt“

Markieren Tabus also Grenzen des Handelns, Redens und Denkens? Sollen bestimmte Objekte wie der Hintern, nicht berührt beziehungsweise Handlungen an ihm nicht vollzogen werden? Warum wird er weitestgehend ausgeblendet im Umgang mit dem eigenen Körper?
Wenn man betrachtet, dass nicht in allen Kulturen der Hintern mit solch einem Tabu belegt ist, so treffen hier schon die Erkenntnisse von Sigmund Freud zu, die besagen, dass Tabus nur für jene sinnvoll erscheinen, die mit ihnen sozialisiert wurden.
Für Außenstehende erscheinen sie häufig unverständlich, nicht nachvollziehbar oder falsch und werden infolgedessen unabsichtlich gebrochen.
Michel Foucault geht noch einen Schritt weiter, in dem er über die bewusste Enttabuisierung referiert:

Tabus markieren Möglichkeiten der Überschreitung, wobei diese durchaus nützlich sein können, wie er am Beispiel der Sexualität im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert festmacht, einer Zeit, in der Sexualität stark tabuisiert wurde, in der aber auf der anderen Seite die Sexualwissenschaft erst entstand. Sexualität und ihr Ausdruck in Zeitschriften, Artikeln, Büchern, erotischen und pornografischen Publikationen, in Beichtstühlen und intimen Geständnissen konnte so erst ausführlich kommuniziert werden.

Und was kann ich als Fazit meiner Betrachtung resümieren?

In einer Beziehung zwischen zwei Menschen werden manche Tatsachen, besonders gerne vom männlichen Geschlecht, aber auch von weiblicher Seite, totgeschwiegen. Das funktioniert. Ob das wünschenswert oder erstrebenswert ist, ist eines jeden Menschen eigene Ansicht. Ob man sich hier und da ein kleines Geheimnis bewahrt, oder ob man gerne alles teilt, liegt im Wesen des Menschen.

Übertragen auf die Tabus komme ich zum Entschluss, dass Tabus für mich nicht haltbar sind. Ich meine, wir sollten eine mehr wissenschaftliche Herangehensweise an den Tag legen, die offen einen Diskurs über jedes Thema führen kann! Für mich kann die Aufklärung gar nicht weit genug gehen, wenn es um Dinge, Zustände, Begriffe, Meinungen, Neigungen, Glauben, Verbote, Gebote oder Sichtweisen geht. Durchleuchten wir jedwede Verkrustung, und beachten dabei auch Grenzen, die zwar überschritten oder verschoben werden können, aber nicht übersehen oder ignoriert werden sollen.

WIE GERNE ICH DOCH EINEN WOHLGEFORMTEN HINTERN ANSEHE!

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