Schönheit liegt NICHT im Auge des Betrachters, Teil 3 (95)

haerst jeans hintern Mies-Vandenbergh-Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

Im 3. Teil möchte ich der Frage nachgehen, in wie weit wir Abweichungen vom Schönheitsideal mit anderen Vorzügen ausgleichen können, wenn man danach überhaupt fragen möchte. Versuche ich es mal. Vom Aussehen des Durchschnittsmenschen sind die Mehrheit der Menschen mehr oder weniger weit entfernt. Dabei kann die Abweichung in die eine sowie die andere Richtung der Attraktivitätsskala ausschlagen.

Für die erste Begegnung mit einem anderen Menschen zählt fast nur unser Aussehen. Dazu gehört noch unsere Mimik und Gestik. Liegt dabei nicht etwa ein grober Makel vor, aus einer Krankheit oder einem genetischen Defekt, einer Essstörung oder einem Unfall, so haben wir alle Chancen, den Menschen vorbehaltlos kennen zu lernen. Es kommt dann auf unser Wesen, auf unseren Charakter und unsere Ausstrahlung an.

Weichen unsere äußere Erscheinung, unser Aussehen in den Proportionen, unsere Größe und unsere Haltung jedoch in erkennbarer Weise von einem durchschnittlich attraktiven Menschen ab, so verlieren wir einen Bonus, der dem schönen Menschen im Voraus stets gewährt wird, wie viele Studien es belegen.

Um einen anderen Menschen näher kennen zu lernen, bedarf es dann einer besonderen Situation. Davon gibt es unzählige, doch diese zu beschreiben würde den Beitrag überfrachten. Gibt es ihn, d.h. gerate ich in solch einer Situation an einen fremden und gleichzeitig interessanten Menschen, scheint mein Aussehen dann nur sekundär zu sein? Oberflächlich neigt der ein oder andere diese Frage schnell zu bejahen. Doch ich möchte das hier explizit in Frage stellen. Da ich an dem Punkt zumindest über den Status der optischen Einschätzung hinaus zu sein scheine, so spielen in diesem Moment Dinge wie etwa die Stimme, unsere Wortwahl, unser Wissen, unsere innere Ruhe, unsere innere Wärme eine richtungsweisende Rolle.

Doch der Moment wird unweigerlich kommen, an dem wir angeschaut werden. Spätestens dann kommen die unvermeidbaren Einschätzungen des Anderen, immer und sicher. Und an genau diesem Punkt wird die eingangs gestellte Frage beantwortet, nämlich: Können meine Charaktereigenschaften meine optischen Defizite – die ich willkürlich unterstellt wissen möchte – ausgleichen?

Das wird im Einzelfall durchweg individuell entschieden, doch in der theoretischen allgemeinen Betrachtung unter Berücksichtigung von differenzierten Forschungsergebnissen verhindert ein optischer Mangel häufig eine weitergehende, vertiefende Beziehung, häufiger als ein entsprechend wertiger Charaktermangel. Eine Folge vom optisch geleiteten Wesen Mensch?

Ich möchte hinzufügen, dass es dabei natürlich wesentlich auf die Intention der Begegnung ankommt, sowie auf die emotionale Reife der Beteiligten. Ich gehe in meiner Betrachtung grundsätzlich von einem informellen Kennenlernen aus. (Interessant finde ich dabei unsere versteckten Antriebe und wie sie in uns wirken.)

Die eingangs gestellte Frage ist damit rudimentär, es ist für mich schwer abzuleiten, ob aus der Summe der Einzelfälle eine These entwickelt werden kann, welche einer statistischen Auswertung stand halten könnte. Ich nehme für meine Einschätzung die Erfahrungen meiner befragten Freunde und Bekannten, damit sind meine Ergebnisse nicht repräsentativ, nur tendenziell.

Ich komme durch die Befragungen also zur Tendenz, dass bestimmte, deutliche Defizite nur sehr schwer ausgeglichen werden können. Besonders interessant erscheint mir dabei die Tatsache, dass auch weniger deutliche Defizite durch unterschwellig wirkende Mechanismen in uns als Betrachter zu Dissonanzen führen können, die sogar letztendlich in der Lage sind, eine Beziehung zu verhindern. Diese Mechanismen zu ergründen wäre noch eine spannende Aufgabe.

Und dennoch. Die Realität schreibt häufig eine andere Geschichte. Da sich unser Aussehen wie auch unser Charakter im Laufe unseres Lebens kontinuierlich verändern und entwickeln, finden sich fast immer Menschen, die diese Entwicklung reflektieren und uns, den anderen Menschen, als Einheit verstehen und auch in dieser Weise auf ihn eingehen können. Notwendig dafür ist nur die Zeit. An ihr, so ist zu hoffen, sollte es uns nicht mangeln, d.h. wir sollten sie uns nehmen!

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