Die Mittel der Wahl (91)

gresore jeans hintern  Mies-Vandenbergh-Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

Ein Mensch steht vor seinem Kleiderdepot. Er fragt sich, welche Kleidung er wählen soll. Von außen betrachtet und vor dem Hintergrund des Themas Aussehen und Attraktivität stellen sich mir bei dieser Szene folgende Überlegungen ein:

Zu welchem Zweck (ver-) bekleidet sich der Mensch? Was möchte er mit dieser oder jener Wahl der Kleidungsstücke erreichen, welche Absicht steckt dahinter? Welche formellen und informellen Übereinkünfte wurden für diese oder jene Art der Kleidung festgelegt?

Ein Mensch sitzt vor seinem Schmuckkästchen. Er fragt sich, ob, und wenn ja, welchen Schmuck er anlegen soll. Sind auch dabei Konventionen im Spiel, die zu bestimmten Anlässen bestimmte Etikette empfehlen?

Ein Mensch steht vor seinem Schuhschrank. Er fragt sich, welches die Farbe und Form ist, die seine Schuhe stilsicher zu seinen Kleidern passen lässt. Er überlegt sich außerdem, ob die Form seiner Schuhe den Anforderungen seiner heutigen, voraussichtlichen Wegstrecke ‚per pedes‘ entspricht. Wobei im Zweifelsfall das Aussehen entscheiden wird.

Bei jeder der obrigen Entscheidungen kann, rein theoretisch, von Manipulation des eigenen Äußeren gesprochen werden. Es geht darum, das eigene Äußere so zu verändern, damit eine bestimmte, genau definierte Wirkung erzielt wird. In wie weit das mit den zur Verfügung stehenden Mitteln überhaupt erreicht werden kann, das möchte ich hier ebenfalls erfragen.

Menschen zeigen sich in der Öffentlichkeit. Zwar nicht in ihrer natürlichen Erscheinung, nämlich nackt, sondern bekleidet, denn sie sind schließlich „zivilisiert“. Ist es nun so, dass die unterschiedlichsten Ausprägungen der Bekleidung meist mit ziemlich eng gefassten Konventionen oder Aussagen belegt sind? Erfordern bestimmte Situationen entsprechende Kleidung? Sind diese Unterschiede innerhalb kleinster Kulturkreise akzeptiert und bekannt und das auf regionaler Ebene, Länderebene und Staatsebene? Über die Kontinente hinweg finden sich sowohl Übereinstimmungen wie auch regelrechte Abweichungen. Bei der Konfrontation mit abweichenden Kulturen reagieren wir regelmäßig mit Unverständnis. Dies geschieht nicht aus bösem Willen, sondern nur aus Argwohn oder Unwissenheit, besonders Andersartigem gegenüber. Die westlich industrialisierte Gesellschaft wird gewiss über ein Auftreten im ledernen Lendenschutz bei einer Fachtagung über Automationstechniken in helle Aufruhr versetzt. Noch größer wäre die Erschütterung, würde der so bekleidete Mensch einen Beitrag von exorbitanter Qualität abliefern.

Da stehen wir also, in Jeans mit Hemd und Sportschuhen, im Sommerkleid mit leichten Stoffschuhen, im Anzug mit ungarischen Lederschuhen, im Kostüm mit High-Heels oder im Bikini. Je nach Anlass finden wir die Form.

Weiter stellt sich für mich die Frage nach der Wertung der Stofffetzen. Was macht den Menschen „wertvoll“, Stoff zurechtgeschneidert von Armani oder Gucci, Schuhe von Prada, oder nur einige Felle des Eisfuchses? Je nach Schnitt, oder?! 😉 Und nicht bei der Kleidung endet die Verkleidung! Was macht den Menschen „wertvoll“, der einen Porsche oder Aston Martin, eine private Cesna oder ein Jet Ranger, oder aber nur ein Rappe der Gattung Araber sein Eigen nennt? Ist es der Beweis für das Erreichte im Leben, der aussagt, hey, sie her, wie erfolgreich ich das Leben gemeistert habe und wie gut daher meine Gene sind?

Welche Rolle erwarten wir von einem Menschen, der mit dem Designeranzug bekleidet auftritt? Was möchte er ausdrücken, in Gegensatz zum Träger der „Semi-destroyten“ Jeans mit einem Verkaufspreis von immerhin knapp 300 Euro? Was derjenige in einer vergleichsweise einfachen Cordhose ausdrücken möchte, darüber kann man ebenso Überlegungen wagen, und in welche gedankliche Schublade der Träger dadurch von uns abgelegt wird, das steht auf einem anderen Blatt.

Meine eingangs beschriebene Überlegung zielt auf folgenden Umstand ab: in wie weit der Mensch in der Lage ist, sich so zu präsentieren, dass die gewünschte oder „erforderliche“ Aussenwirkung nicht hinter der Beabsichtigung zurück bleibt, sondern tatsächlich erreicht wird? Immer wieder stelle ich fest, dass ein Ziel, eine Wirkung für sich selbst eingefordert wird, für dessen Erreichen jedoch schon fundamentalste Prämissen fehlen. Ich selbst nehme mich da in keinster Weise aus!

Zur welchem Ergebnis kommt ein Mensch, der rein äußerlich den Konventionen nahezu perfekt gereicht, der aber durch unkonventionelle Verhaltensmuster in der Summe seiner Erscheinung nicht authentisch oder glaubwürdig auftreten kann? Als übertriebenes Beispiel sei eine Person im klassischen Markenanzug oder Maßanzug genannt, dem jedoch die gesellschaftlichen Umgangsformen nicht geläufig sind. Man stelle sich solch eine Person vor, die zur Begrüßung auf ihr gegenüber zugeht, und mit einer festen Umarmung dem Menschen zwei dicke Schmatzer auf die Wangen gibt.

Dieses Beispiel entbehrt nicht einer gewissen Komik, verdeutlicht zwar auch meinen Frageansatz, nur möchte ich das entsprechend meinem Hauptthema etwas subtiler beschreiben. Was drücke ich mit meiner Kleidung aus, wenn ich nicht zu einer Art Selbsterkenntnis und Selbstsicherheit gelangt bin, die mich in Fragen meines Stils authentisch unterstützt? Ausgehend von der These, dass jede Person danach bestrebt ist, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten gefällig auszusehen, stelle ich die Frage, ob ich meine eigenen Schritte zur Erreichung dieser Verschönerung überhaupt bewusst setzen kann.

Was nutzt mir die noch so klassische Kleidung, wenn ich nicht die Höflichkeit besitze, einer Dame den Stuhl zu reichen? Was nutzt mir die Designerjeans, wenn ich nicht die Erscheinung habe, mich darin zu bewegen? Was nutzen mir die italienischen Schuhe, wenn ich darin stets stolpere? Was nutzt mir der Gürtel aus Krokodilleder (für mich sowieso nicht recht), wenn meine Plastikhandtasche voller Schachteln mit Zigaretten ist und ich keinen Moment ohne eine solche da stehen kann?

In unserer Gesellschaft wird sich der Fokus stets auf ein bei uns eventuell vorhandenes Manko richten. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob das Manko durch unser Unvermögen uns zu kleiden entstanden ist, oder ob es uns angeboren ist. Wenn ich letzteres als nicht Inhalt dieser Betrachtung zurückstelle, komme ich bei dem durch uns selbst verursachten Fehlgriff zu einer weiteren Fragestellung: Existieren überhaupt allgemeingültige Normen, Übereinkünfte über eine gültige, gefällige oder unvorteilhafte, verunstaltende Bekleidung oder Manipulation des Äußeren beim Menschen unserer Gesellschaft?

Scheinbar frei in der Wahl unserer Kleidung finden wir bei genauerer Betrachtung sehrwohl einige ungeschriebene Vorschriften, die je nach Anlass eine bestimmte Art von Kleidung vorschreiben. Also doch eine Kleiderordnung? Wie alle kennen sie, und wollen wir gesellschaftlich ernst genommen werden, so halten wir uns tunlichst daran. Außer, wenn wir in unserer persönlichen Freizeit verweilen, dann, ja dann schlagen wir gerne über die Stränge, verweigern uns den sonst fast allgegenwärtigen Vorgaben. Was dabei heraus kommt ist nicht immer von Vorteil für uns selbst, und das liegt nicht nur an der eigenen Unsicherheit oder fehlenden Erfahrungen in der Wahl unserer Klamotten, sondern viel mehr in unserer Selbsterkenntnis begründet, die vielleicht schon deshalb nicht so wirklich entwickelt und ergründet wurde, weil wir unsere Lebenszeit und Lebensenergie zu sehr für von uns selbst ablenkenden, oberflächlichen „Dingen“ vergeudet haben. Das lässt sich sogar bei sehr vielen Menschen auf unseren Körper übertragen. (Darüber schreibe ich in einem der nächsten Beiträge erst etwas, dazu habe ich zuvor noch einige Lektüre zu lesen.)

Und was kann ich als erstes Teilfazit formulieren?

Nicht jeder hat einen fähigen Stilcoach zur Hand, um sich vorteilhaft zu kleiden. Die wenigsten Menschen finden ihren passenden Stil, der sich harmonisch zu ihrem Wesen, zu ihrer Erscheinung fügt, weil sie noch auf der Suche nach sich selbst sind. Konventionen scheinen zu bestimmten Anlässen etabliert und anerkannt zu sein. Die oft übertriebene Beschäftigung mit äußeren „Werten“ führt zu keinem harmonischen und authentischen Aussehen ohne eine beginnende Erkenntnis über sein inneres Wesen.

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