Leerlaufmomente (88)

maka jeans hintern  Mies-Vandenbergh-Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

Was bedeuten uns die Zwischenzeiten? Was würden wir denken, fühlen, sehen, empfinden oder planen, wenn wir nicht unsere Smartphones stets zur Hand hätten? Zum Glück haben wir es ja immer griffbereit, in der Bahn, im Bus, an der Haltestelle, im Wartezimmer, an der Ampel, in der Einkaufsschlange, im Stau, beim Frühstück, beim Fernsehen, in der Arbeitspause, ……!

Früher, ja früher, als alles noch besser war, da hatten wir noch kein Smartphone.😉 Heute können wir glücklicherweise jederzeit über unsere Social Networks just in time immer erreichbar sein, über bestimmte Apps ständig e-mails und posts checken, wenn wir nicht sowieso, via push-option, sofort alles Neue mit Nachdruck erhalten; und, ach ja, immer telefonisch erreichbar sind. Unser Kalender erklärt zu bestimmten Zeiten, was bis wann zu geschehen hat.

Neulich an der Haltestelle erhaschte mich ein Gedanke!

Während wir, wie es nämlich früher im Vorhandyzeitalter am Ort des Wartens auf den Bus üblich war, ohne Medien ausharren mussten, stand man dort herum, sah auf die Uhr, dachte sich, wie lange es wohl noch dauerte, bis der Bus endlich einträfe, denn pünktlich waren die Busse schon früher mitnichten. Man sah sich die Mienen der Mitwartenden an, deren düstere Fratzen einen daran erinnerte, dass das Ziel der Reise gegen 7 Uhr am Morgen meist die nicht unbedingt immer geliebte Arbeitsstelle war. Man betrachtete sich die schreienden Werbeplakate der Bushalte mit ihren haltlosen Versprechungen, entdecke die vielen kleinen verlorenen Dinge der zukünftigen Fahrgäste, die niemals mehr die Stationen der Reise erleben würden. Im Häuschen der Haltestelle versammelten sich häufig die Drogenabhängigen, und verpesteten die ohnehin schon dicke Luft des Autoverkehrs um ein vielfaches mit ihrem Qualm. Auch die vielfältigen Facetten des Straßenbegleitgrüns unterzog sich unserer eingehenden Betrachtung. Gedankenverloren suchten unsere leer wirkenden Blicke den Horizont in der Richtung ab, aus der der Bus auftauchen würde. Manchmal den vorbeihastenden PKW nachsehend stellten wir wilde Vermutungen über deren Ziele an.

Und, wir konnten nachdenken, nachdenken über uns selbst, unsere Erlebnisse, unsere gesprochenen Worte und mehr noch über unsere unausgesprochenen, gedachten Worte. Wir konnten das erleben, was ein Psychologe vielleicht als Reflexion bezeichnet, und was wir heute nur noch dann erleben dürfen, wenn wir es versäumt haben, unser smart-i am Abend vorher in die Ladestation zu stecken.

Vielleicht konnten wir ohne unsere smart-is eine andere Qualität von Geisteshaltung entwickeln, die uns auf unserem Wege zum mündigen Menschen dienlicher voranbrachten. So gelingt es uns heute sehr gut, unsere Leerlaufmomente zu befüllen mit allerley Wischgesten. Bleibt die Hoffnung, dass wir uns irgendwann verantwortlich unserem geistigen, körperlichen und seelischen Dasein und Wirken gegenüber standhalten können.

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