Hinsehen erwünscht! (86)

flow jeans hintern Mies-Vandenbergh-Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

   Das Aussehen der Menschen ist ein Thema, mit dem wir uns tagtäglich auseinandersetzen, mal gerne, mal weniger gern. Wir sehen dabei die Menschen um uns herum an, und wir sehen uns selbst immer wieder, jeden Tag vielfach. Das ist am Morgen im Spiegel, sowie den Tag über im Spiegel und in jedem Moment, in dem wir mit einem anderen Menschen in Kontakt treten.

   Verdutzt schauen wir, wenn wir, nicht wie sonst, kurz und meist oberflächlich, sondern auf eine ungewöhnliche Art und Weise angeschaut werden. Was empfindest Du, wenn Dich Dein Gesprächspartner unerwartet intensiv ansieht, eine gefühlte Ewigkeit länger als sonst, die vielleicht in Wirklichkeit nur Bruchteile von Sekunden länger andauert. Als Beschreibung für das Hinsehen entstehen in Dir möglicherweise Worte, wie z.B. „Anglotzen“, „Anstieren“, „Beobachten“ oder „mit den Augen verfolgen“.

   Während bei attraktiven Personen eine Art Gewöhnung durch die häufigeren Blicke nachzuvollziehen ist, ergeht es allen anderen eher so, dass sie eine Verwunderung in sich entdecken, wenn sie betrachtet werden. Nicht, das es immer angenehm wäre, als attraktiver Mensch häufig angeschaut zu werden, dem ist nämlich keineswegs so, wie mir glaubhaft versichert wurde, aber man lernt damit umzugehen. Man lernt zu verstehen, warum ein Gegenüber schaut, etwas intensiver schaut und unter Umständen gerne mal freundlich lächelt. Wenn so etwas noch als angenehm empfunden werden kann, so kann es, wenn es vom Betrachter übertrieben wird, in welcher Form auch immer, leicht zum Ärgernis werden. Wenn aus freundlich ansehen ein Gaffen wird, so werden Blicke als penetrant unangenehm empfunden, und es gestaltet sich im Gefühl der Betrachteten als Verletzung der Persönlichkeit.

   Das Maß für diese Reaktion ist äußerst individuell. Sicher spielen einige Faktoren eine zusätzliche Rolle, wenn nämlich zum Grad der Attraktivität noch die Lebensumstände hinzu gezogen werden. Ob ein Mensch in einer Kleinstadt lebt oder nicht, ob er während seiner Arbeit mit vielen Menschen (Kunden, Patienten, Gästen, Besuchen, usf.) Kontakt hat, ob er sich von seinem Wesen her als gesellig empfindet und ganz oben an, ob er oder sie ein gesundes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein besitzt. Nicht, dass es hin zur Einbildung überentwickelt sein sollte, nur wenn der Mensch auf dem Weg zu seiner Mitte hin sich befindet, so kann er aus dieser inneren Ruhe souverän mit dem Blick des Anderen umgehen, ihn frei erwidern.

   Er oder sie kann sich dann eher darüber freuen, sobald sein oder ihr Äußeres geschätzt wird -oder auch nicht beachtet wird, das nur nebenbei- mit einem souveränen Lächeln darauf antwortend, als andererseits ein Mensch, der sich seiner viel unbewusster, fremder, unsicherer ist, und sich alle möglichen Sorgen und Gedanken darüber macht, weshalb sein oder ihr gegenüber tatsächlich schaut oder gar lächelt.

   Wenn einem nicht überdurchschnittlich attraktiven Menschen intensivere Blicke begegnen, so wird die Frage entstehen, weshalb sein Betrachter ihn anschaut. Da wir in unserer westlich geprägten Gesellschaft intensive Blicke meist vermeiden, ja es geradezu als unhöflich gilt, ist es auffällig, wenn jemand länger schaut. Viele gehen bei diesen Blicken davon aus, dass an ihrem Äußeren etwas „nicht stimmt“. Dieses Auffallen ist für viele von uns mit unangenehmen Gefühlen belegt. Eine Begründung dafür ist ohne weiteres nicht zu belegen, denn auch dabei spielen etliche Faktoren mit.

   Aus der Tatsache heraus, dass das weitaus interessanteste Thema des Menschen mit himmelweitem Abstand der Mensch selbst ist, möchte ich gerne folgende Ableitung erstellen:

   Weil der Mensch DAS Thema für den Menschen darstellt, sollten wir alle mit dem Betrachten des Menschen einen anderen Umgang lernen; sowie den Umgang mit dem Menschen selbst, oftmals. Nahezu jeder Mensch sieht gerne andere Menschen an. Dennoch verstecken wir uns hinter allen erdenklichen Masken und Mauern. Wir verkleiden uns jeden Tag neu. Wir verstecken uns ziemlich vereinzelt hinter dicksten Mauern. Wenn wir sie verlassen, so eilen wir ziemlich vereinzelt von Punkt A zu Punkt B, möglichst mit mindestens 170 km/h. Unser Umfeld scheint ziemlich genau abgesteckt zu sein, was fremd ist, ist vielleicht nicht gut, zumindest bedenklich.

   Finden wir die Menschen nicht mehr in unserer Realität, so weichen wir auf elektronische Medien aus, zunehmend, wenn man der Statistik nicht völlige Umkehrung der Tatsachen vorwirft. Wenn Schüler eine größere Kommunikation über Social Media betreiben als im persönlichen Gespräch, so sollte das als Warnung erst zu nehmen sein.

   Mir liegt es fern zu wünschen, dass wieder alle Menschen nackt umherlaufen und ausschließlich in Kommunen wohnen, doch wenn ich verstört angesehen werde, wenn ich jemanden anlächle, so gebe ich diese Entfremdung zu bedenken. Als ein Volk von Heimlichtuern nur noch im www Menschen ansehen, ist, wenn die Zahlen auch genau das beweisen, nicht die Sache des sozialen Wesens Mensch. Meine ich!

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