Verblasste Schönheiten (85)

wija jeans hintern  Mies Vandenbergh Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

Warum streichst Du die Wand in einer anderen Farbe? Warum isst Du nicht jeden Tag die gleiche sehr gesunde Speise? Warum trägst Du nicht jeden Tag die gleichen von Dir so geliebten Klamotten? Warum trinkst Du nicht ausschliesslich Wasser?

   Der Mensch scheint nicht geschaffen für immerzu Gleichartiges, er ist wie ein rastloser Tiger beständig auf der Jagd nach Abwechslung. Monotonie nagt an des Menschen Schöpfungskraft. Das Reisen war schon immer eine Muse der Künstler. Wir Menschen scheinen angewiesen zu sein auf immer neue Impressionen, um in unserem Dasein eine Entwicklung zu entfalten. Was bedeutet das für unser Leben? Sind wir im höchsten Maße anfällig für die superlativen Attribute besser, neueste, aktuellsten, innovativsten, frischesten, chicsten der neuen Dinge. Wie alt muss eine Sache sein, um sie als „nicht mehr zeitgemäß“, „unmodisch“, „nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik“, „unmodern“ oder ähnlich veraltet abzutun? Vielleicht etwas früher, als erwartet? Zu früh? Oder passend?

    Weiter forschend stellt sich die Frage, was dies für unsere emotionale Seite bedeutet? Welchen Einfluss hat diese Mentalität oder genauer gesagt diese innerste Veranlagung auf unseren Umgang mit anderen Personen? Das ist eine sehr interessante Fragestellung.
In der heutigen schnelllebigen Zeit, so meint man, haben schnell aufeinanderfolgende Zyklen der Mode, der Vorlieben oder gar der Gepflogenheiten eine Diktatur des Oberflächlichen geschaffen. So schnell ist etwas „out“, und dabei wird immer wieder mal festgestellt, dass die Beteiligten selbst nicht mehr mitkommen. Im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, der von dieser Entwicklung ebenfalls nicht verschont wird, frage ich, was erwirkt dieses Streben nach immer Neuem dort?

   Es ist nun nicht so, dass wir liebgewonnene Menschen flugs austauschen, um dann und wann unser soziales Umfeld zu wechseln. Abgesehen von der Tatsache, dass wir immer wieder neue Menschen kennenlernen, die wir interessant oder eher noch liebenswert schätzen lernen und auf der anderen Seite liebgewonnene Menschen leider aus den Augen verlieren, weil es sich einfach nicht anders ergibt, so findet eine explizite Suche nach immer einem neuen Umfeld nicht statt.

   Aber, auch wenn wir einen Menschen nicht wie Ware oder Dinge austauschen, so untergräbt diese Mentalität doch in bestimmter Weise unsere Integrität und unsere Art der Konfliktlösung. Weglaufen gleich wegschmeissen und ausweichen statt begegnen. Uns Menschen obliegt es, dagegen zu arbeiten, zu überdenken, ob etwas wirklich erneuert werden muss, ob wir wirklich etwas Neueres haben müssen, ob wir das neue „Ding“ insoweit benötigen für die sinnvolle Entwicklung unserer Persönlichkeit und unserer emotionalen und empathischen Intelligenz. Vielleicht erreichen wir durch die vertiefende Beschäftigung mit Vorhandenem eine viel weitreichendere Erfüllung unserer Wünsche und Ideen.

   Anschließend komme ich noch zum Bezug zur Fotografie verbunden mit der Schönheit in allen Dingen. Einen Fotografen platziere ich ganz nahe bei den Jägern und Sammlern. Er ist mit seiner Kamera auf der Jagd nach immer neuen Motiven, auf der Suche nach einem gelungenen Schnappschuss, auf dem Weg zu seiner meisterlichen Arbeit und darüber hinaus. Er sieht das Leben zu einem ganz eigenen Teil in Bildern, die er dokumentiert. Jedes Mal, wenn er oder sie die Fotokamera in die Hand nimmt, ist es die Suche nach etwas Neuem. Nicht die alten Fotografien reichen aus, es gibt noch so viel Ungesehenes dort draußen, für den Fotografen wieauch für die Betrachter. Für den Fotografen ist es auch nicht der Sinn und Zweck, sich mit den bestehenden Fotografien zufrieden zu geben, dass liegt nicht in der Natur der Fotografie. Schließlich fließt das Leben in all seinen Facetten und Nuancen, Bahnen und Pfaden, auch außerhalb dieser Pfade immer weiter, und immer wieder entstehen Momente, die niemals zuvor dagewesen zu sein scheinen.

   Nur mal das Genre der Menschenfotografie betrachtet werden immer wieder Menschen geboren werden, deren Antlitz einen ganz eigenen, besonderen und einzigartigen Blick ergeben werden. So werden auch nach Jahrmillionen immer wieder einzigartige, fraktale Wolkenkonstellationen die Menschen mit Begeisterung in ihren Bann ziehen werden. Alles neu, jeden Tag, jede Sekunde ist das Leben.

   Differenziert ist dabei die Fotografie vom Verhalten des Menschen. Wenn auch, wie oben geschrieben, die Schnelllebigkeit oder Kurzlebigkeit der Dinge um uns herum unser Verhalten maßgeblich beeinflusst, so führt die Fotografie zur wahrlichen Beschreibung unserer Lebensräume. Einzelne Passionen können zwar zu einer Verschiebung der persönlichen Wahrnehmung führen, doch gibt es nachgeschaltet stets den Betrachter der Fotografien, der mit seiner Abwesenheit oder Abwesenheit eine Bewertung und Würdigung der Ergebnisse beisteuert. Hat dabei Erfolg, was gesucht wird, oder Erfolg, was präsentiert wird? Diese Erfahrung hat jeder Fotograf selbst erlebt, der seine Fotografien nicht ausschließlich für sich selbst gefertigt hat.

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