„Schön = gut“ Teil 2 (81)

cuit jeans hintern Mies Vandenbergh Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

Schön = Gut! Oder doch nicht?

   Die Forschungen gehen weiter. Nachdem Wissenschaftler die Fragestellungen in ihren Untersuchungen variiert hatten, ob denn schöne Menschen tatsächlich als die besseren gelten, zeigte sich ein viel differenziertes Bild dieser Hypothese. Wenn sich auch die wohlbekannten Forschungsergebnisse über die Einschätzungen von schöneren Menschen wiederholten, so hatten sich nach einer Abänderung der Attribute während den Befragungen die Ergebnisse in Bezug auf eine bestimmte Kategorie neu ergeben. So haben die schöneren Menschen den weniger schönen Menschen im Punkte soziales Verhalten laut Einschätzung der befragten Probanden leicht das Nachsehen bzw. sind gleichauf.

   Geht es explizit um den Faktor Bescheidenheit, wie z.T. auch um die Eigenschaften Fürsorge, Mitgefühl und Empathie, so wird den attraktiveren Gesichtern zunehmend weniger davon attestiert, während den weniger attraktiven Menschen im Schnitt mehr dieser Tugenden zugetraut wird. Die vermutete Eitelkeit sowie eine unterstellte Überheblichkeit schließt genauso einen gewissen Grad der Menschlichkeit aus, welcher aber wiederum gesellschaftlich gefordert ist.

   In den besagten Studien wurde schöneren Menschen in einer Reihe von Merkmalskategorien ein durchweg höheres Maß zugeordnet. Diese Kategorien beinhalteten Merkmale wie z.B. Selbstsicherheit, Offenheit, Aktivität, …! Weniger Vorteile gegenüber durchschnittlich oder minder attraktiven Personen wurden in den Kategorien Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit oder intellektuelle Kompetenz zugeordnet. Keine besseren Einschätzung erhielten attraktivere Menschen in den Bereichen Sensibilität, Intelligenz, Einfühlungsvermögen oder Integrität.

   Wohlgemerkt wurden diese Studien ausschließlich mit Personen durchgeführt, die sich nicht kannten und es waren Jugendliche und Erwachsene.

   Nachteilig wurden die attraktiveren Menschen in den Punkten Bescheidenheit, Zufriedenheit oder Glückseligkeit bewertet. Eine vermeintliche Oberflächlichkeit wurde ebenso zugeordnet wie die eingangs beschriebene Arroganz, Eitelkeit, Einbildung oder Überheblichkeit.

   Keine Abweichungen wurden in diesen Metastudien bei der Rolle der Geschlechter festgestellt. Keine der Studien konnte überraschenderweise unterstützende Hinweise auf geschlechtsspezifische Besonderheiten dokumentieren.

   Was kann ich aus diesen Teilergebnissen entnehmen? Es geht vorerst nur um die erste Bewertung von Menschen unterschiedlicher Attraktivität. Dies findet zu einem Zeitpunkt statt, zu dem wir sie noch nicht kennen gelernt haben. Die Forschungen zeichnen bis hierher das Bild einer Einschätzung bis zum ersten Wort. Sie beschreiben auf interessante Weise, welch vorgefertigte Schubladen in uns Betrachtern existieren, und wogegen sich attraktivere Personen – anders als weniger attraktive Menschen – bis zum Kennenlernen behaupten müssen. Geht ein Kontakt nicht über das Sehen hinaus, bleibt das Bild in unseren Köpfen erhalten. Das ist natürlich viel häufiger der Fall.

   Diese in unserem Denken verankerten Ressentiments gegenüber schöneren Menschen beruhen in der Mehrzahl der Fälle meist auf nur einzelnen Erfahrungen. Die emotionale Reife zu besitzen den Menschen zu betrachten, ohne ihn dabei einem Diktat der Attraktivität zu unterziehen, sollte als eines der vorrangigen Ziele der Aufklärung erkannt werden. Sicher ist der Einfluss des Aussehes immer gegenwärtig, doch dieser Einfluss kann durchaus in unserem Bewusstsein, wenn auch nicht ganz ausgeblendet, so doch gemildert werden.

   Dazu ein kleiner, nicht ganz haltbarer Vergleich: wie lange und ausgiebig können wir uns mit der Auswahl einer Farbe für ein bestimmtes Objekt(Wand, Fußboden, Auto, Couch, …) beschäftigen, bis wir es wählen? Und wenn wir es entschieden haben, wir mit dieser Sache jeden Tag leben, wir lange dauert es, bis wir die Sache nicht mehr als so schön wahrnehmen, wie zu Beginn? Eine Woche, ein Monat oder ein Jahr? Wie wäre es mit dem schönen Menschen, dessen Schönheit uns bei der ersten Begegnung die Worte oder den Atem verschlagen hat. Wie lange dauert es, bis wir beginnen, den Menschen in seinem Wesen und Charakter wahrzunehmen? Eine Woche, einen Monat oder ein Jahr. Zugegeben, ein Jahr ist schon sehr lang in diesem Kontext.

   Was ich mit diesem Beispiel sagen möchte ist ein Hinweis auf folgende Überlegung: Sehen wir den Menschen doch mal an, und stellen und vor unserem geistigen Auge vor, wir kennen den Menschen schon ganz lange mit ihren oder seinen alltäglichen kleinen und großen Sorgen und Freuden! Und schon geraten wir in den Bereich der menschlichen Wahrnehmung. Wir haben die Möglichkeit diesen Menschen jenseits von nur seinem „blendenden“ Aussehen wahrzunehmen. Dass sich dadurch ein ganz anderes, emotionaleres Miteinander ergibt ist meines Erachtens ein Schritt in die richtige Richtung.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s