Und Schönheit zählt doch mehr! (71)

wish jeans hintern Mies Vandenbergh Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

Ergebnisse aus der Verhaltensforschung kommen zu einer eindeutigen Aussage: Auf das Aussehen kommt es an!

   Die physische Attraktivität ist ein entscheidendes Kriterium für die Wahl eines Partners. Gleichfalls bestimmt es unsere Einschätzung eines anderen Menschen. Schöneren Menschen vertrauen wir eher. Entgegen der von uns Menschen immer wieder gerne gepredigten Aussage von der entscheidenden Wichtigkeit der „inneren Werte“ widersprechen die Forschungsergebnisse dem. In Versuchsreihen aus dem Bereich der Attraktivitätsforschung, einem Zweig der Sozialwissenschaften und Psychologie, die vornehmlich unter Mitwirkung von Studierenden durchgeführt wurden, konnten sowohl offen, wie auch versteckt die überragende Gewichtung der physischen Attraktivität ermittelt und verifiziert werden.

   Dem Aussagewert dieser Ergebnisse halte ich die Tatsache entgegen, dass es sich bei der Erhebung der Daten stets um künstliche „Was wäre wenn“- Situationen handelte. Als Forschungsmaterial kamen neben Fragebögen auch Fotografien und Videos zum Einsatz, ferner wurden auch tatsächliche Treffen unter den Probanden arrangiert. Als überraschendes Fazit stellten die Forscher ganz eindeutig fest, dass die Attraktivität den wichtigsten Faktor sämtlicher Überlegungen darstellt! Und das sowohl bei den Männern, wie auch bei den Frauen in der Altersgruppe von 18-30 Jahren. (nachzulesen hier: „Spieglein, Spieglein an der Wand“, Henss, Beltz Verlag)

   Was lässt sich daraus schlussfolgern? Ist unser Verhalten unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse neu zu bewerten? Spielen wir uns selbst etwas vor? Da eine Untersuchung dieser Zusammenhänge immer auch eine Untersuchung des eigenen Standortes darstellt, ergibt sich automatisch eine Aussage über exakt diesen Punkt. Was mich selbst verwundert, neu und interessant für mich ist, das habe ich vorher entweder nicht gesehen, anders gesehen oder ich habe es immer vermutet, jedoch wurde es in meinem Umfeld stets geleugnet, verneint, oder verschwiegen. Vermeintliche Wahrheiten setzten sich im Laufe des Lebens fest. Wir glauben tatsächlich an das, was wir aus innerster Überzeugung glauben wollen.

„Auf die inneren Werte kommt es an.“ Ein Satz, den wir schon immer und überall gehört haben. Eine Maxime unseres Lebens stellt er dar, wird er doch jeden Tag auf’s neue in unseren Gedanken produziert. „Es darf nicht sein, was nicht sein darf.“ Diese rechtfertigende Begründung für Unzulänglichkeiten -die meist nicht einmal welche sind- lässt uns hinweg sehen über Offensichtlichkeiten, deren Bewertung in unserem Umfeld in falsche, menschenungerechte Bahnen gedrängt wurde (Stichwort Werteverschiebung).

   Umfeld bedeutet hier nicht nur Familie oder Freundeskreis, sondern erstreckt sich von der Straße über den Stadtteil, den Ort, die Region, das Bundesland, das Land bis hin zum Kontinent. Gleichzeitig sind wir innerhalb der sozialen Verflechtungen in Beruf, Ehrenämtern, Vereinen, Parteien und Gemeinschaften aktiv, und gerade dort sondieren wir die Wertegemeinschaft aus und stellen sie in eine Beziehung zu unseren eigenen Wertvorstellungen.

   Diese unsere eigenen Werte entstehen natürlich nicht aus dem Nichts. Sie werden durch gesammelte Informationen entwickelt. Informationen kommen jedoch nicht automatisch zu einem. Sie sind meist eine Holschuld. Wir dürfen uns selbst aussuchen, woher wir sie beziehen. Ein Aspekt ist und bleibt dabei die Qualität, die wir oft nicht abschätzen können. Wir gewähren ihnen einen Vertrauensvorschuss bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes. Somit stehen wir unendlich vielen Variablen gegenüber, die erhebliche Fehlerquellen in sich bergen. Meine Entscheidungen sind immer nur so gut, wie die Informationen, die ihr zugrunde liegen.

   In „Moralia“ habe ich schon über unsere erste verfügbare „verlässliche“ Informationsquelle geschrieben, unsere Eltern! Wir nehmen als Kinder vorerst alles Vermittelte als unumstößliches Gesetz in uns auf. Später differenzieren wir die Aussagen von früher, bleiben dabei aber immer das geprägte, pawlov’sche Wesen. Unser Ego entstand schließlich in unserer Kindheit und Jugend.

   Durch die o.g. Ergebnisse der Attraktivitätsforschung haben wir erfahren, dass unser Aussehen nicht nur nicht unwichtig ist, sondern immer wieder von entscheidender Bedeutung sein wird. Damit ist nicht ausschließlich die physische Attraktivität gemeint. Hinzu kommt die Ausstrahlung. Nicht gleichzusetzen, aber unterstützend dazu wirkt die Attraktivität. Dieses Phänomen zieht sich durch alle Altersgruppen, es endet keineswegs bei einem bestimmten Alter.

   Ausgehend von einem bestehenden Konsens über das, was Schönheit ausmacht, ist als weitere Frage jene nach den allgemeinen Vorstellungen über das, was schön ist, einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Das habe ich bereits getan. [Wer meint, dass Schönheit im Auge des Betrachters läge, dem sei gesagt, es wurde in vielen verschiedenen Erhebungen widerlegt. Als attraktiv gelten Menschen mit festgelegten Attributen, wie z.B. Schlankheit und Ebenmaß. Proportionen und die Symmetrie entscheiden über Wohlgefallen oder Missfallen.]

   Überraschend ist, dass der Einfluss der Optik auf unser Auffassungsvermögen und unsere Entscheidungsfindung als sehr viel höher ermittelt wurde, wie allgemein hin angenommen. Wir verzeihen „hübschen“ Menschen viel eher ihre Fehler. Wir schätzen „hübsche“ Menschen als zugänglicher ein, auch wenn sie es vielleicht gar nicht sind. Diese Reihe wäre noch viel weiter zu führen. Im Punkte Partnerschaften streben die Wünsche der Menschen, so die Ergebnisse der Studien, unabhängig von ihrer eigenen Attraktivität stets nach einem gutaussehenden Partner! [Auch wenn ich definitiv hinter Antoine de St. Exuperie`s Worte: „…man sieht nur mit dem Herzen gut“ stehe, so frage ich, ob der Weg zu einem Herzen nicht leichter durch ein schönes Äußeres geebnet wird.]

   Eine Frage, die in diesem Zusammenhang interessant erscheint beschäftigt sich mit folgender These: Werden die Menschen durch die Suche und Bevorzugung von „schöneren“ Menschen immer schöner? Fallen durch diese Selektion die nicht so schönen Menschen im Laufe der Evolution heraus? Wenn ja, welche Bedeutung und welchen Einfluss hat dann der Wandel der Schönheitsideale? (Mal werden dünnere Menschen bevorzugt, mal dickere. Auch regionale Unterschiede sind weithin bekannt.) Welchen Einfluss hat dabei die Globalisierung? Wir heiraten glücklicherweise nicht mehr nur noch im gleichen Dorfe. Und letztendlich stellt sich auch die Frage nach der globalen Medienwelt, und welchen Beitrag diese zur Verbreitung scheinbarer (Schönheits-) Ideale leistet. Wird diese regelmäßig überbewertet?

   Dazu möchte ich die Daten der Welternährungsoranisation (WHO) hinzuziehen, nach deren Erhebungen zufolge die Menschen, darunter besonders die Kinder in der westlichen Welt im Schnitt immer gewichtiger werden. Verursacht wird es laut dieser Untersuchung weniger durch Selektion, als durch widernatürliche Eßgewohnheiten, Stichwort Fastfood und Softdrinks sowie Bewegungsmangel. So spielt uns unser Verhalten einen Streich. Obgleich wir Menschen derartig selektieren, so scheint unser dekadentes Verhalten kontraproduktiv. Der Evolution zum schöneren, funktionalerem Menschen werden „dicke, fette, zuckrige Steine in den Weg gelegt. Ein Weg, den wir Menschen natürlich lieber virtuell beschreiten möchten, vom Sofa aus. 😉

Das soll hier nur am Rande erwähnt sein, denn darüber ließe sich ein weiterer Artikel verfassen.

   Wie leben wir also mit dem Faktor Schönheit? Warum betonen wir immer wieder, wie wichtig uns die inneren Werte des Menschen sind und geben dennoch zur Freude und Bereicherung der Industrie Milliarden Euro für Körperverschönerung in Form von Kosmetika bis hin zu schönheitschirurgischen Eingriffen aus? Vielleicht gilt es, diese Diskrepanz ins Bewusstsein, in den Fokus der Menschen zu rücken. O.g. Studien sind dazu höchst hilfreich, tragen sie doch zur Aufklärung bei. Ferner gilt es, die „hilfreichen“ und „richtigen“ Informationen zu erhalten, zu verstehen und zu verarbeiten. Doch wie immer im Leben von uns Menschen, die sicherste Erkenntnis reicht nicht aus, um unser Verhalten zu revidieren.

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