Die Tabus des Menschlichen, Teil I ( 16 )

kio jeans hintern Mies-Vandenbergh-Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

  

Durch Mode in allen zeitlichen Epochen wurde der Po des Menschen immer wieder mal betont hervorgehoben. Ob durch eng anliegende Kleidung, hochhackiges Schuhwerk oder knappe Stofffetzen über dem Gesäß. Wie ist das zu vereinbaren mit der eigentlich mehr abfälligen Umgangsweise mit dem Thema „Popo“?

    Heikle und gewagte Themen -wie der Hintern- sind in der Öffentlichkeit, im täglichen Geschehen, im wiederkehrenden Alltag weitestgehend tabu. Seit unserer Erziehung, die früh in unserer Kindheit auf uns hernieder ging, wissen wir, dass der Hintern „baba“ ist. So, wie auch das, was hinten raus kommt, noch mehr „pfui“ ist. Jeden Tag werden wir daran erinnert, dass wir etwas „verbotenes“ tun, wenn wir uns mit dem Gesäß (be)fassen. Wir fassen uns immer wieder an den Po. Mehrmals täglich waschen wir uns, gehen zur Toilette, kratzen uns vielleicht hin und wieder an einer Backe und rutschen beim Sitzen von einer Pobacke auf die andere.

   In unserer Gesellschaft ist der Hintern mit allen negativen Bezeichnungen und Beschimpfungen belegt, die wir uns ausdenken konnten. Jeder von uns kennt und benutzt sie. Schon mein Blogtitel könnte man als gewagt ansehen. DER HINTERN! Gibt es dafür nicht noch andere, weniger verfängliche Ausdrücke? Schon, wenn ich mich unterhalte und dabei sage, ich habe mich auf meinen Hintern gesetzt, so kann ich in den verwunderten Augen der Umstehenden einen kleinen Schimmer von Argwohn und Pikiertheit feststellen. Ihre Blicke könnte ich deuten und mit der Aussage belegen: „Warum sagt er nicht lediglich, er habe sich hingesetzt.“

  Die hintere Seite des Menschen. Eine verabscheuungswürdige Seite des Menschen? HINTEN. Wer etwas hinten herum versucht, der ist falsch. Hinterhältig ist verschlagen. Warum ist es so? Weil wir hinten keine Augen haben und jemand hinter unserem Rücken etwas tun kann, was uns entgeht und nicht zum Vorteil gereicht? Etwas, von dem wir nichts erfahren sollen? Wir haben demnach ein Problem mit unserem Hinterteil! Aber haben wir es wirklich? Ist es nicht vielmehr so, dass der Hintern NICHT das Problem ist? Oder der Popo? Ist es nicht viel mehr unser Gehirn, unser Verstand, unser Geist und unser Gewissen, das erst daraus macht, was „ES“ sagt, was „ES“ uns befiehlt, vorgibt, einredet?

   Was machen wir aus uns, wenn wir uns bilden, formen, erziehen, die gesellschaftlichen Umgangsformen erlernen? Was zeichnet uns aus, wenn wir mit Fug und Recht von uns behaupten können, wir beherrschen die Etikette der Gemeinschaft? Wie weit können wir gehen, wenn unsere Reputation nicht Schaden erleiden soll? Was dürfen wir uns erlauben? Was trauen wir uns zu sagen, was „lieber“ nicht? Was wäre nur, wenn wir sagten, was wir empfinden?

   Bin ich jetzt schon wieder bei den Konzessionen, welche unser Dasein von uns erwartet, oder weniger unser Dasein, als vielmehr die Aussenwirkung, die wir zu erzielen wünschen? Bezogen auf mein Hauptthema möchte ich den Bogen hinüber spannen, und der Frage nachgehen: „Was macht mein Gewissen aus dem Wort „Hintern“ und dessen Bedeutung für uns?“ Wie steht es mit deinem Gewissen, wenn es um heimliche Vorlieben geht? Was macht uns aus, ein Volk von Heimlichtuern in Sachen „Verbotene Dinge“?

   Betrachte ich beispielsweise die Affinität zu den Gesäßen. Wir wissen davon. Doch aussprechen möchten wir es nicht. Lieber nur hinsehen, wenn Sie/Er sich herum dreht! Sieht ja keiner! Aber sprechen wir jemals öffentlich darüber? “ Ein Frauenhaar zieht mehr als 20 Ochsen!“, das sagte mein Großvater schon. Ob es von ihm stammt? Nein, es ist sehr viel älter, zudem ist auch nicht wichtig, woher es kommt. Ich bin überzeugt, dass es wahr ist. Ein schöner Hintern kann sehr reizvoll sein? Man betrachte nur den Hype um den Po von Pippa Middelton! Oder den Hintern von Jean-Claude van Damme! Sexy, nicht wahr?

   Aber zugeben mögen wir diese Vorliebe beileibe nicht. Das „gehöre“ sich schließlich nicht! Sagt die Gesellschaft! Im Übrigen genau die Gesellschaft, die laut einer führenden Suchmaschine abermillionen Einträge zum Thema Hintern produziert. Ganz abgesehen von der Häufigkeit der Suchanfragen bei Begriffen wie Popo, Hintern, Ass, Culo, Fesses, Buttocks, und in allen weiteten Sprachen der Welt.

   Was empfindet der Einzelne bei der Wahrnehmung des Wortes Popo? Jeder von uns assoziiert damit ein anderes Bild von einem Hintern. Ob groß, ob klein, ob schmal, ob breit, ob bekleidet oder nackt! Einig aber sind wir uns alle -oder fast alle- darüber, dass wir ja nichts dazu sagen möchten? Oder etwas zeigen möchten? Zeigen? Aber halt! Mit dem Zeigen der Empfindungen und Gedanken über den Hintern sieht es gänzlich anders aus, als beim Vorzeigen desselben. Was gibt es für schicke Hosen, für knappe Shorts, für enge Leggins, für hochhackige Schuhe, die den Hintern so hervorheben, wie kaum ein anderes Körperteil.

   In einer Kolumne für die Zeitschrift Spiegel schreibt Manfred Dworschak:

„Hat man je einen Hintern gesehen, den züchtig ein Feigenblatt bedeckte? Niemals. Im Gegenteil: Die Kunstgeschichte ist voll von nackigen Apfelbäckchen und kolossalen Prachtgesäßen, die dem Betrachter ungeniert entgegenblinken. Maler wie Bildhauer übertrafen einander an Dreistigkeit, und selten sparten sie am Speck. Wie anders dagegen das Schamdreieck, der anerkannte Hort der Brisanz: stets peinlich verschleiert oder weggedreht. Die betörendsten Hinterbacken aber werden offen dargetan, als wäre da weiter nichts dabei. Ist das nicht verdächtig?“

   Nicht zu knapp kann schon mal der Rock sein, so dass schon ein Stück weit die Pobacken zu erahnen sind. Für mich als Mann wirken diese Bilder genau so, wie sie beabsichtigt sind. Reizender Anblick? Hübsch anzusehen? Ich finde es in der Tat schön anzusehen. Ich sehe mich auch gerne danach um. So, wie mir auch hin und wieder schöne Männerpos auffallen.

   Einst erzählte ich meinem Freund von einer, meiner wahrlich einschlägigen Verwechslung, die mir mit ihm selbst unterlief: Ich fuhr mit dem Rad nach Hause, und auf einer langen Gerade durch Gärten hindurch sah ich einen Menschen mit langen Haaren und einer tollen, hochgewachsenen Figur. Ich dachte bei mir, welch nette Erscheinung und auch sexy. Schon damals mochte ich lange Haare. Langsam näher kommend auf meinem Fahrrad kamen mir die Bewegungen zunehmend bekannt vor. Als die Person dann um die letzte Ecke bog und sich meinen Blicken entzog, dachte ich noch „Schade!“. Als ich dann ebenfalls um diese Ecke bog, überfuhr ich fast meinen Freund selbst. Ich war so überrascht, dass ich ihm erst zwei Stunden später von meinem netten, visuellen Erlebnis mit ihm berichtete. Als Dank zog er mich bei der ein oder anderen Gelegenheit auf, bei der ich lange, schöne Haare von weitem bewunderte.

    Wie aber geht das zusammen, das Tabu auf der einen Seite und diese betonende Mode auf der anderen Seite? In unserem Gewissen dürfte da eine Diskrepanz entstanden sein. Erneut fällt mir der Begriff „Doppelmoral“ ein. Diese zu beschreiben erscheint mir weiterhin als ein interessantes Unterfangen. Dabei steht für mich zuvorderst die Frage, ob es in den Augen der Menschen überhaupt einen Widerspruch gibt. Wie sehen sie den Hintern als Körperteil und modisch betontes Objekt in diesem Zusammenhang?

   Sehen sie diese modische Verzierung des Hintern überhaupt losgelöst vom gesamten Körperbild? Style ich mich da und dort oder nur gesamt? Was denken und empfinden sie bei der Bekleidung des Hinterns mit einem hautengen Kleidungsstück oder wie es oben heißt, mir einem knappen Stück Stoff, das gerne immer mal wieder zurecht gezupft werden muß.

Weiter dazu in Teil 2!

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