Moralia 1 { Die Einführung } ( 15 )

kap jeans hintern Mies-Vandenbergh-Fotografie

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Das macht man nicht! – Soso? Wer sagt das und warum, seit wann und überall? Sei kritisch! Immerfort. Auch Dir selbst gegenüber.

Unsere Wertvorstellungen, insoweit es denn unsere reflektierten sind, wurden uns seit frühester Kindheit aufoktroyiert. Da war Tante Else und Onkel Karl, Oma Metternich und Opa Heinrich, unsere Eltern, die uns sagten, was richtig, was falsch war. Tue dies nicht, tue das nicht, mache es so und nicht anders. Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst,…!

Danach kamen die Kindergärtnerinnen, wechselten zu den Lehrern, während zum Zeitpunkt der Oberstufe schon Hopfen und Malz verloren zu sein schien. Auch das persönliche Umfeld aus Mitschülern, Freunden und Freundinnen prägte uns, und vermittelte uns ein Bild des Lebens, von dem wir annehmen mussten, das es sich so gehörte. Idole und Stars, deren Vorbildfunktion uns manches mal in ihren Bann zogen, waren da schon verführerischer, weil oft freigeistiger Natur. Ging da auch etwas anders?


Die Moral war (und ist) allgegenwärtig, eine Institution in unseren Köpfen, gehegt und gepflegt durch die Normen der Gesellschaft, die uns am liebsten mit der Unterstützung der Kirche zu einwandfrei funktionierenden Menschen formen wollte.

   Doch irgendwann war es soweit! Wir konnten lesen. Denken und Fragen konnten wir schon immer , jedoch das Lesen kam erst später dazu.

Entscheidend war der Zeitpunkt, der uns hinleitete, über das zu entscheiden, was wir lesen! Für mich und meinen Freundeskreis sollte die Lektüre damals, in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, der Durchbruch sein. Wir stellten Fragen, die uns vorher nicht mal ansatzweise in den Sinn gekommen waren. In nächtelangen Gesprächen, bei schier endlosen Kannen Tee, auf der Suche nach Antworten auf die Frage nach Sinn und Unsinn des Daseins, palaverten wir bei Musik von BAP, Konstantin Wecker, Supertramp und Genesis über Werte und Moralia, tauschten uns aus über Menschen und Gefühle. Nach Literatur verschriener Werke und dem Lauschen renitenter Barden sollten wir viel des etablierten Gedankengutes in Frage stellen! Nicht alles haben wir über die Planke gehen lassen. Doch vieles wurde neu geordnet. Schon diese ersten freien Gedanken und Erlebnisse würden ein Buch füllen, jedoch möchte ich hier in Anlehnung an mein eigentliches Thema – die Äußerlichkeiten – einiges inhaltlich mehr dazu vermerken.

   Ich habe mir damals viele von unseren Ideen und Gedanken aufgeschrieben, diese schon damals immer weiter entwickelt. Die Aufzeichnungen und Notizen dazu besitze ich noch heute. Als Kernaussage formulierte ich darin, die Moral grundsätzlich erst einmal in Frage zu stellen um sie wieder neu herzuleiten. Zweifelhaft schien der gebetsmühlenartig herunter geleierte Satz der Erziehungsberechtigten, der da beginnt mit der Einleitung :“Man tut das nicht…“.

Sicher war uns bewusst, dass wir Menschen in einer Gemeinschaft leben. Daher sind ethische Übereinkünfte unabdingbar. Doch die Anzahl dieser Regeln, sowie die Art und Weise der „Doktrin“ sind in unseren Augen mindestens überzogen gewesen, aber nicht nur das: in sich widersprüchlich, sowie zum Verhalten der Verfasser widersprüchlich stellten sie ein marodes Gerüst dar. Keiner von uns stellt sich außerhalb der Gesellschaft auf, identifizieren wir uns doch alle ausschließlich über die Wechselbeziehungen zum Mitmenschen. Ein Blick über den europäischen Tellerrand bestätigt schon die Divergenz der Moral in den Gesellschaften.

(Wenn nicht schon die auseinanderdriftenden Vorstellungen von Moral zum Nachbarhaus hin eklatant sein können.)

   „Angepasst sein“, „mit dem Strom schwimmen“, „sich wie ein Fähnchen im Wind drehen“ beschreiben Verhaltensweisen, die die wenigsten Menschen für sich bestätigen mögen. Nahezu jeder wähnt sich anders zu sein. Auch ich halte mich nicht für konform, mein Verhalten nicht für stets angepasst. Die entscheidende Art und Weise des Verhaltens finde ich nur in der Stärke der Auslegung. Wer mag bestimmen, wo Grenzen sind, wer mag festlegen, was noch vertretbar ist oder was schon zu weit(für wen) geht? Da, wo ich einen anderen Menschen einschränke könnte eine Grenze gezogen werden. Diese vage Definition allein lässt viel Spielraum.

Um mich richtig zu verstehen, ich halte hier beileibe kein Plädoyer zur Niederschlagung aller Normen. Ich ermuntere nur jeden Einzelnen seine eigene Moral, sein Erwachsenen-Ich zu überdenken. Denn auch wenn sich herausstellt, die Werte der Gesellschaft stimmen in weiten Teilen mit meinen überarbeiteten Ideen überein, so habe ich durch diesen Prozess doch ein Stück weit Charakterentwicklung betrieben.

   Was ich ausdrücken möchte ist die Aufforderung zur Wahrhaftigkeit, auch dann, wenn einige Reparaturen oder Restaurierungsmaßnahmen vonnöten sind. Auf einem gesunden Fundament kann ein authentischer Mensch entstehen. Und Freunde und Freundinnen können dabei helfen und natürlich partizipieren.

So werde ich in den folgenden Beiträgen der „Moralia – Reihe“ darüber schreiben, welche Instanzen uns welche Moral auferlegt hat, welcher Sinn sich dahinter verbirgt, wo Scheinheiligkeit wütet, wo wir selbst in Eigenverantwortung zum Handeln aufgerufen sind und wie wir zum kritischen Individuum werden können. Große Versprechungen? Ein wenig, zum Selbstansporn und als Aufforderung: Ließ selber nach, wo auch immer😉

4 Gedanken zu “Moralia 1 { Die Einführung } ( 15 )

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