Wahrnehmung und Sichtweise (223)

Was du siehst und was du wahrnimmst, sind oft ganz verschiedene Dinge. Was du siehst und was andere sehen, sind oft sehr unterschiedliche Dinge. Was du aus einem visuellen Objekt machst, und was andere damit verbinden, können immer wieder vollkommen andere Dinge sein.


Einhundert Menschen könnten etwas sehen. Nehmen wir diese Möglichkeit einmal an. Einige davon sehen es tatsächlich, andere nicht. Nehmen wir an, es seien 60 Menschen, die es sehen, der Rest von 40 sieht es nicht. Von den 60 Menschen könnten es alle wahrnehmen. Doch dem ist natürlich nicht so, denn selbst dann, wenn wir etwas sehen, nehmen wir es nicht unbedingt wahr. Es fällt durch unser Aufmerksamkeitsraster. (Ein spannendes Wort, wäre eine besondere Betrachtung wert) 

Sagen wir, von den 60 Menschen nehmen es 40 wahr. Ein hoher Wert, meine ich, buhlen doch um unsere Aufmerksamkeit sekündlich unendlich viele Reize. Doch belassen wir es bei den 40 Personen.Von diesen 40 Betrachtern verwerfen das Bild wenigstens die Hälfte, nachdem es im Gehirn kurzfristig abgeglichen wurde mit bereits bekannten, gängigen Formaten. Hier hängt es wesentlich davon ab, wie sehr etwas bekannt ist, wie außergewöhnlich eine Sache ist, die in unser Gehirn vordringt oder wie ungewöhnlich die Umstände der Wahrnehmung sind.(Ganz außerordentlich subjektiv!) Finden wir keine Verbindung, wird es interessanter. Wir sehen länger hin, um vielleicht doch noch eine Verknüpfung zu finden. Je nach Bild entscheiden wir in nur Bruchteilen von Sekunden darüber, ob sich eine weitere Beschäftigung mit der Sache momentan anbietet, oder ob es aus irgend einem Grund momentan nicht möglich ist. (Zeit, Verfügbarkeit, Wichtigkeit)

Bleiben also vorerst 20 Personen übrig. Diese 20 haben entweder eine Verknüpfung mit bereits vorhandenen Mustern gefunden, oder sie haben eine neue Idee entwickelt. 20 Möglichkeiten der Wahrnehmung, Deutung, 20 mögliche Reaktionen, wenn auf ein Bild eine Reaktion erfolgen kann. 

Zurück zur Frage der Betrachtung. Welche Bilder ermöglichen überhaupt eine Reaktion? Welche eine Besprechung, oder welche erzeugen eine Beschäftigung damit. Kurzfristig, in der Realität erblickte Situationen benötigen mindestens eine Beschreibung, wenn mehr als der Betrachter eine Beschäftigung mit dem Bilde erwägt. Eine Dokumentation in irgendeiner Art und Weise, mündlich, schriftlich oder sonst wie, wenn nicht mindestens 2 Personen die identische Szene wahrgenommen haben. Selbst dann jedoch verwischen sich die Eindrücke in Windeseile. Gesehenes vermischt sich mit Erinnerungen, Realität und Fiktion driften aufeinander zu. (Man erinnere sich an die unzähligen Versuche über Täterbeschreibungen, und wie weit diese tatsächlich auseinander lagen.)

Findet eine Beschäftigung mit einem Bilde statt, die einer Kommunikation zwischen Ersteller und Empfänger entspricht, wenn auch zeitlich und räumlich meist getrennt, so meist nur in eine Richtung, wenn es nicht gerade „live“ geschieht. Schon haben wir zwei unterschiedliche Pole, die all ihre Vorbildung (jedes mal) in die Waagschale werfen, der Absender wie auch der Adressat. Noch spannender würde es, wenn zwei Adressaten existierten, die zeitlich und räumlich zusammenträfen. So wäre ein interessanter Austausch möglich.

Anders bei einer Dokumentation? Schon bei einer Niederschrift nehmen Worte den Platz der Bilder ein. Diese erzeugen im Gedächtnis des Empfängers ein Bild aus ihrer selbst. Doch wie ist es beim stehenden oder bewegtem Bilde? Auch hier, je nach Blickwinkel und Vollständigkeit der Dokumentation entsteht willkürlich Zensur, so dass nicht mehr über die vermeintliche Situation, sondern bloß noch über das Abbild entschieden werden kann. Nichts anderes, als ein Gemälde, dessen Wirkung und Auswirkung, dessen hervorgebrachte Reaktionen und Aktionen zu einem neuen Bild heranwachsen werden. Alles eine Frage der Kommunikation, oder?

Von der Wichtigkeit einer Sache könnten einige von Hundert erzählen. Da wir jedoch in unserer Kommunikation mehr und mehr eingeschränkt werden, bzw. diesen Vorgang mutwillig selbst vollziehen, sind es am Ende nur wenige unter 10.000, die einem Bildnis gewahr werden und wie verschwindend klein ist die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Beschäftigung? Sehen wir mal (hin).

Rastlos (222)

efnel jeans hintern

So wunderschön, so stimmig, so bezaubernd dieser Blick, gleich so die Mimik und die Augen. Bewegungen, grazil und elegant, den ebenmäßigen Körper in Szene gesetzt bleibt der Blick wie ein unlösbarer Magnet für diesen einen ersten, vielleicht auch zweiten Augenblick beständig, um volltrunken von der Schönheit, ein Teil des Eindrucks erstohlen, schweigend sich zu wenden.

Die allenthalben unseren Weg kreuzende Schönheit in Form anderer Menschen scheint -langsam, aber beständig- sich in uns zu summieren. Voll des Eindrucks ob der vielen Bilder, die dich in jedem Moment erreichen, derentwegen du irgendwann auf die Suche dich begibst, ohne Ende dich in diese Fluten stürzt, um immer größere Wogen zu erhaschen, dich zu berauschen an den Neuen, die tausendfach in jedem Moment sich dir eröffnen, gleich wo du bist oder hin dich bewegst.

Fiktion scheint der Realität den Rang abzulaufen, nicht offensichtlich, nur immer stärker wird der innere Vergleich, der sich geradezu aufdrängt, einmischt, klammheimlich seinen Senf dazu gibt, wenn wir Menschen optisch wahrnehmen, sie ansehen und uns ein Vor-Urteil bilden, indem wir gemäß der Prämisse „ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper“, eine Prämisse, die doch überall lauert, wenn wir gerne mal die jenigen Menschen mit Missbilligung in unseren Blicken strafen, die zu weit sich vom allgegenwärtigen Ideal der Körperformen distanziert befinden, weil genau diese Wesen es nicht schaffen, geistesgegenwärtig den Verlockungen des Konsums zu widerstehen.

Irregeleitet blicken wir und erkennen, was wir wollen. Vergleiche ziehend wägen wir ab, verwerfen, begeistern uns, verlieren wieder, suchen weiter, blicken verzückt auf, um schon nach Sekunden der Gewöhnung erneut zu finden. Verweilen, um zu erkennen scheint nicht mehr zeitgemäß, schnell-schnell, nur nicht zu lange, sonst fällt auf, dass wir möglicherweise nicht mehr up-to-date sein könnten. Nur wenn die weltlichen und ökonomischen Belange aufgerufen, dann, ja dann kann es sein, das Zulassen von jenen zwischenmenschlichen Kontakten, die über den Eindruck des Bildes hinaus bewegt.