Einkommensverteilung wieder bei 1913 angekommen

Piketty-Studie – Einkommensverteilung wie 1913

Die Einkommensverteilung in Deutschland ist einer aktuellen Studie zufolge heute auf einem ähnlichen Niveau wie vor dem Ersten Weltkrieg.

http://www.deutschlandfunk.de/piketty-studie-einkommensverteilung-wie-1913.1939.de.html?drn:news_id=827105

Advertisements

Von der Beliebigkeit der Schönen

Einen schönen Menschen nicht schön zu sehen, ist nicht möglich, oder? Ein hässliches Foto eines schönen Menschen zu machen, ist nicht leicht, oder?

Schöne Menschen laufen durch die Straßen. Hin und wieder sehe ich sie. Ich sitze in einem Café. Ein schöner Mensch sitzt einige Stühle weiter und trinkt einen Espresso, ließt Zeitung, sieht in sein Handy, blickt selten mal auf in die Weltgeschichte, widmet sich schnell wieder seinen Medien. Ich nehme ihn wahr. Ich blicke ihn an und denke, dass er attraktiv wirkt. Er entspricht dem, was in unserer Gesellschaft als schön gilt, er vereint das, was quer durch alle Kulturen und über alle Zeiten hinweg als Maßgabe für Schönheit gilt: makellose Haut, ebenmäßige Formen, symmetrische Proportionen. Der Blick dieses Menschen ist nahezu frei von Aussage und Bedeutung, entspannt blickt er in die Umgebung.

Da ich mich zeitlebens mit Bildern von Menschen beschäftige, setze ich den Menschen ganz bewusst in einen fiktiven Rahmen. Was würde ein Foto von ihm aussagen? Ein Zeugnis von Schönheit, sicherlich, würde entstehen, fast jeder Betrachter würde der Person Schönheit attestieren, augenblicklich und intuitiv. Schlüsselreize würden wirken, so sie denn über das Bild transportiert werden. Ich blicke den Menschen immer wieder mal an. Nein, ich starre ihn nicht an. Mein virtueller Rahmen nimmt verschiedene Formen und Perspektiven auf. Manche davon wirken vorteilhaft, andere nachteilig, wieder andere beliebig.

Ein Foto würde eines von vielen werden, das einen von vielen schönen Menschen zeigt. Es beschreibt eine Szene aus dem Leben, einer alltäglichen Geschichte, die sich so seit Jahrhunderten wiederholt und vermutlich auch über weitere Jahrhunderte wiederholen mag, wenn wir unsere Welt nicht vorher vergiftet und zerstört haben werden. Über Generationen werden schöne Menschen geboren werden, die auf uns Betrachter ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Zeugnisse in Form von Bildern wurde früher weniger gefertigt, heute milliardenfach, zugänglich waren sie früher einem sehr kleinen Kreis, heute über alle Grenzen hinaus, jedem in zigfacher Weise zu hauf.

Waren früher die Schönheiten der Gesellschaft etwas besonderes, weil sie seltener zu sehen waren? Im Kreise seiner Familie, seiner Dorfgemeinschaft, seines sozialen Umfelds waren sie so rar, wie sie es heute auch wären, allein die Bevölkerungsdichte bietet eine größere Anzahl, relativ betrachtet. Hinzu kommt aber die Darstellung von schönen Menschen in Form des Bildes. Begonnen mit Skulpturen und Zeichnungen der Bronzezeit, fortgeführt durch die Malerei ab dem frühen Mittelalter bis zur heutigen Präsentation über Film und Foto gewinnt die Darstellung eine Dimension, die schon über den menschlichen Geist lange hinaus gewachsen ist.

Da sitzt er nun, der schöne Mensch, einige Stühle weiter im Café, und tut nichts, als schön zu sein. So meine ganz eigene, persönliche Wahrnehmung. Ob sich der Mensch selbst überhaupt als schön empfindet, steht auf einem anderen Blatt. Welche Rolle sein Aussehen überhaupt in seinem Leben spielt, ist keine Frage für einen Außenstehenden. Meine Beziehung zu ihm beschränkt sich auf die rein visuelle Situation. Das Wissen um diesen Sachverhalt verhindert nicht die optische Wertung, die automatisch in jedem von uns jederzeit stattfindet. In der zunehmend kommunikationsärmer werdenden Gesellschaft findet ein visueller und darstellerischer Ausgleich statt.

Die Präsentation des eigenen Aussehen scheint die Wahrhaftigkeit des Handelns, des zwischenmenschlichen Kontakts zu verdrängen. Früher drückt man es mit den Worten: „Mehr Schein, als sein“ aus. Es bezeichnete Menschen, die mehr Wert auf ihr Äußeres gelegt haben, als auf ihr Handeln. Heutzutage wäre das Aussehen zu ersetzen durch die Präsentation.

Ich sitze noch eine Zeit lang im Café, sehe immer noch hin und wieder zu diesem schönen Menschen hinüber und frage mich, ob nicht erst ein gewisser Grad der Abweichung von schönheitsideellen Maßen zu Interesse an einem Menschen führt. Dieser Gedanke führt aber schon wieder zu einer mit Gedanken und Gefühlen durchsetzten Betrachtungsweise, und die ist ja nicht mehr zeitgemäß. So genieße ich vorsichtshalber nur die schlichte, austauschbare Schönheit des Menschen einige Stühle weiter …

Von der Handlung im Bilde

Soll ein Portrait eine Handlung des Portraitierten suggerieren oder nicht? Künstler aller Zeiten beschäftigen sich mit dieser Thematik. Fotografen tun dies gleichso, seit über Kunst in fotografischen Portraits diskutiert wird.

Dazu einige Zitate:

„Wie eitel ist die Malerei, wo man die Ähnlichkeit mit Dingen bewundert, die man im Original keineswegs bewundert.“

Blaise Pascal (1623 – 1662), französischer Philosoph

„Malerei, Skulptur, Literatur, Musik stehen einander viel näher, als man im Allgemeinen glaubt. Sie drücken alle Gefühle der menschlichen Seele der Natur gegenüber aus.“

Auguste Rodin (1840 – 1917), französischer Bildhauer

„Malerei ist die Kunst, die Seele zu bewegen durch Vermittlung der Augen. Wenn der Maler nur bis zu den Augen kommt, hat er nur den halben Weg zurückgelegt.“

Denis Diderot (1713 – 1784), franzöšsischer Philosoph

„Jedes Portrait, das mit Gefühl gemalt wurde, ist ein Porträt des Künstlers, nicht dessen, der ihm dafür gesessen hat.“

Oscar Wilde (1854 – 1900) irischer Dramatiker und Dichter

Ein Portrait kann so oder anders sein: es zeigt ein Stückwerk aus dem Leben, dem Alltag, ein Ausschnitt aus einer Handlung, ein Spiegel eines Gefühls oder einer Stimmung. Dabei scheint der Fotograf als der Künstler nur stiller Beobachter zu sein. Auf der anderen Seite gibt es ein Portrait, welches aus der Zwiesprache zwischen Portraitiertem und Fotograf entsteht. Der Blick des Models steht bei letzterem in direktem Kontakt mit dem Fotografen, beziehungsweise mit seiner Kamera. Damit entsteht auch eine scheinbare Beziehung zum späteren Betrachter des Bildes.

Das Bild gibt beim direkten Blick in die Kamera nicht nur das Gesicht der Person wieder, sondern viel mehr. Es ist eine Komposition aus vielen Komponenten, die jede für sich genommen von entscheidendem Einfluss auf die Bildaussage ist. Es ist zunächst die Form des Gesichts, dabei die Proportionen von Augen, Nase und Mund, einzeln, sowie zueinander, dann von Farben, Licht und Schatten, welche einige Teile des Gesichts ausblenden, überzeichnen oder schlicht dokumentieren können.

In dieser Form des Portraits spiegelt sich der Ausdruck des Menschen, seine Verfassung, seine Gefühle und Gedanken, seine Ängste und Stärken, seine Ideen und Vorstellungen, seinen Mut und seine Verbindung zum Menschen gegenüber wieder. Es zeigt ein Stück weit die Realität, gleichzeitig ein Schauspiel, ein Theater der Emotionen im Ausdruck des Portraitierten. Und erheblich mehr von der Sichtweise des Fotografen, als vielen Menschen bewusst ist.

Wie weit sich der Mensch vor der Kamera loslassen oder festhalten, er selbst sein kann oder etwas vorspielen kann, auf der Aufnahme befreit und unabhängig, oder befangen fremd wirkt, liegt wesentlich am Verhältnis von Fotograf und Model zueinander. Es liegt zudem an der Fähigkeit des Models, die Ausdrücke zu spielen oder zu fühlen. Es ist ein Zusammenspiel von Model und Fotograf, bei dem die Wesensart des Fotografen entscheidet, in wie weit die Fertigkeiten des Models sich entfalten können. Sie zuzulassen, zu fördern, sie zu unterstützen in Form seines Auftretens und im Umgang mit Menschen speziell in diesem relativ intensiven Moment ist gleichermaßen bildbestimmend.

Beim Bild der stillen Betrachtung hingegen findet meist keine direkte Verbindung durch Blickkontakt zwischen Model und Betrachter (Kamera) statt. Entweder etwas abgewendet von der Kamera, oder mit geschlossenen Augen, verdeckt oder unbestimmt kennzeichnet diese Art Portrait. Zeitweilig kann aber auch ein abwesender, in sich gekehrter Blick in die Kamera, oder vielmehr durch Kamera und Betrachter hindurch diese Art eines solchen Portraits beschreiben.

Eine Handlung, ob aus ganz Alltäglichem oder einer besonderen Aktion, dient als Grundlage für die Geschichte, die ein solches Bild erzählen soll. Der Betrachter nimmt so die Rolle ein, als der stille Beobachter einer definierten Szenerie. Sie könnte sich jederzeit so oder so ähnlich überall abspielen. Sie enthält einen oder mehrere Aspekte, die sie spannend und unterhaltsam, interessant und sehenswert, vielleicht geheimnisvoll und ergreifend macht.

Etwas nicht (mehr) alltäglich Öffentliches könnte diese Szene darstellen. Hier wird dem Betrachtenden ein Einblick gewährt. Eine öffentliche Handlung, die im Rahmen des Bildes eine wertvolle Betonung erfährt, die damit wiederum ein spannendes und eindringliches Gefühl erzeugt, erzählt das die Geschichte des Bildes? Vielleicht eine Geschichte von Leichtigkeit und Freiheit, von Schönheit und Natur, von Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit, durch lichtdurchflutete, helle Tönung unterstützt, nimmt es den Betrachter mit, und ermöglicht so diese Empfindung auf wunderbare Weise.

Oder ein Bild schreibt eine düstere Metapher, melancholisch und schwermütig, durch dunkle Töne mitreißend faszinierend, den Betrachter die dunkle Seite seiner Seele wiederfindend in das Bild hinein ziehend. So sähe eine fotografische Wegbeschreibung aus.

Anders ist die Dreiecksbeziehung beim direkten Portrait. Dabei besteht ein persönlicher Blickkontakt zwischen Model und Fotograf, mehr noch zwischen Model und Kamera, letztendlich aber bildlich zwischen Model und Bildbetrachter. Wesentliches begründet sich in der Stimmung, dem Gefühl, dem Ausdruck, der in einem Bild übermittelt wird. Ein Gefühl, entstanden im Blick und der Mimik des Models, erfasst durch den Fotografen, in seinem für richtig und passend empfundenen Moment und von ihm bestimmten Blickwinkel und Licht der Aufnahme. Letztendlich ist es die Empfindung, die das Bild im Besucher erzeugt, die über Inhalt und Geschichte eine Güte findet, oder eben nicht.

Von der Kunst des Weglassens, Teil 3

Du nimmst ein Bild in Augenschein. Es ist eine Fotografie eines beliebigen Menschen. Was erkennst du? Siehst du etwas von der Statur des Körpers? Was von diesem Menschen ist abgebildet? Nur das Gesicht, zusätzlich noch die Haare, oder sind sie unter einer Kapuze verborgen? Siehst du die Kleidung oder ist der Mensch unverhüllt? Wenn du Kleidung siehst, bedeckt sie den ganzen Körper? Oder beschränkt sich das Bild auf die Darstellung des Oberkörpers? Wenn du Kleidung siehst, zeichnet sich die Statur des Körpers dennoch darunter ab oder verwischt sie jegliche Kontur?

Was erblickst du noch, außer dem Portraitierten? Ein Setting, das in Bezug zur Person steht oder eine Umgebung, die dir willkürlich erscheint, deren Verbindung zum Motiv, zum Menschen dir Rätsel aufgibt? Was empfindest du beim Studium der Aufnahme? Welche Gedanken und Gefühle löst sie in dir aus? Erzeugt sie Zustimmung oder Ablehnung, wendest du dich schnell ab, blätterst verstört weiter oder nimmst du sie deutlicher wahr? Erzeugt sie dadurch eine positive Wirkung? Wirkt sie auf eines deiner archaischen Zentren, löst ein Gefühl von Belohnung aus, lässt dich dieses Gefühl genießen, weidest dich daran und lässt es gerne zu?

Was macht das Bild aus? Ein Portrait bedeutet ein Bild eines Menschen. Erkennst du darauf das Gesicht des Menschen oder ist es mit dem Halbdunkel verwoben? Zeigt es die Person im Profil oder entzieht sich das Gesicht deinem Blick, bleibt anonym und führt damit das Portrait an den Rand der Bedeutung. Gibt es überhaupt eine übergreifende Bewertung, eine allgemeingültige Bestimmung von Kriterien, die aussagekräftig ein Bild einordnen? Kunstwerke werden seit je her kritisiert. Altbekanntes immer wieder neu zu präsentieren scheint ein ewiger Kreislauf zu sein. Mal ist etwas modern, danach nicht mehr, irgendwann erneut.

Ein Portrait bleibt ein Portrait. Von einer puren Gesichtsmaske bis hin zur opulenten Komposition, eine Person bildet das Motiv. Tritt ein Hintergrund in Konkurrenz zum Motiv, so bekommt der Betrachtende eine anstrengende Aufgabe, die er möglicherweise nicht in der Lage ist zu bewältigen. Das Bild hat verloren. Bietet es zu wenig Spannung, fällt es durch das Aufmerksamkeitsraster des Betrachters. Es verliert ebenso. Gilt es also eine Balance zu finden, auszuloten, bis wohin es in welcher Weise auf wen wirkt. Doch der Künstler, das beschrieb ich bereits hier, fertigt sein Werk aus sich heraus, nicht als Auftragsarbeit. Will er aber sein Publikum erreichen, gilt es eine Zwiesprache zu halten.

Ein Portrait bleibt ein Portrait. Ein Blick eines Portraitierten kann unendlich viele Gefühle erzeugen. Auf einige Ausdrücke reagieren wir Menschen automatisch, ohne uns dies bewusst zu sein, andere analysieren wir genauer. Wie ein Portrait wirkt, hängt vom Ausdruck des Menschen ab, ist er interessant, so entstehen viele Eindrücke. Spricht uns, das heißt, sprechen die Bilder unsere momentane Verfassung und Gefühlslage an, findet eine Begegnung statt. Viele Bilder übersehen wir, ob der Flut der Fotos oder der stetig sinkenden Güte derselben, aber einige erreichen unsere Aufmerksamkeit. Das, weil wir in diesem Moment die Botschaft ins Bild legen, die wir suchen. Ob sie so gemeint war, spielt keine Rolle. Da wir stets auf der Suche nach einer Erfüllung unserer Wünsche und Bedürfnisse sind, finden wir, wonach wir suchen. Für den einen ist es das Portrait der Kindfrau, für den nächsten das Gesicht des alten Bergbauern, für wieder andere der Körper(teil) des Models. Schönheit ist zwar nicht Ansichtssache, aber eine definierte Wirkung wird auf jeden Menschen individuell ausgeübt.

Gibt es ein Fazit? Weniger kann mehr sein, aber auch zu wenig, wenn Aufmerksamkeit in mehrere Richtungen erzeugt werden soll. Von der Wirkung einer Kunst reicht tatsächlich ein einziges Auge als Portrait eines Menschen, das unter einer Kapuze, einer Decke hervor blickt, das so viel Spannung erzeugt, um den Betrachter in seinen Bann zu ziehen. Manchmal sind es zwei Augen, manchmal Augen und Nase oder Teile des Gesichts, die so erfüllt sind von Kraft und Ausdruck, dass kaum ein Betrachter sich der Wirkung entziehen kann. Geht man nach der Beachtung, die bisherigen Kunstwerken geschenkt wird, so liegt der Anteil der reinen Gesichtsportraits weit vorn in der Gunst der Besucher. Das Tagwesen Mensch, als zutiefst visuelles Wesen, der seine Hauptimpressionen über sein Auge erfasst, tritt auch mit diesem in erster Linie in Kontakt. Spannende Betrachtung, finde ich.

.

Von der Kunst des Weglassens, Teil 2

Weniger ist mehr! Trifft das auch in der Fotografie zu? Einfaches Design wird zum Klassiker, zeitlos und über jeden Geschmack erhaben. Gestern wurde das nachweislich letzte Gemälde von Leonardo da Vinci, sein Jesus-Portrait, für die bisher unerreichte Rekordsumme von 450.000.000 Euro (Vierhundertfünfzig-Millionen) verkauft. Ein Portrait eines Malers, der in Armut starb.

Ein relativ einfaches Portrait. Nicht viel mehr, als einige Accessoires und Kleidung zeigt das Bild, alles andere ist Gestik und Mimik, Licht und noch mehr Schatten, sowie Farben. Gilt dies als Beispiel für eine Art Minimalismus, wie auch „Mona Lisa“ aus der Sicht da Vincis erstellt wurde?

Ein berühmter Fotograf vertrat die Ansicht, dass ein Bild schlecht geraten war, weil noch nicht genug weggelassen wurde. Ein anderer sagte: Ist Dein Bild nicht gut genug, warst Du nicht nah genug dran. Wie übertrage ich diese Ansichten auf die Fotografie von Menschen? Wie binde ich die Devise von „Weniger ist mehr“ in eine fotografische Arbeit ein? Der französische Maler Thomas Couture (1815 – 1879) sagte: „Vor allen Dingen seid bescheiden: in der Malerei gibt Bescheidenheit die größte Kraft.“ Ist ein Blick, ein Auge allein als erster und prägnantester Blickpunkt eines portraitierten Menschen ausreichend und hat die Voraussetzungen für einen Klassiker? Einige Fotografien mehr oder weniger bekannter Fotografen auf diversen Plattformen im Internet deuten dies an, wenn man die Zahl der „Likes“ als Indikator zugrunde legt.

Gehe ich davon, ohne eine genauere Überprüfung durchgeführt zu haben, aus, so stellt sich die anschließende Frage, in wie weit der Blick, die Aussage des Blicks, die Interpretationsmöglichkeiten für den Blick die Entscheidung beeinflusst. Geht jeder Blick? Funktioniert es bei jedem Gesicht? Spielt schon die Form des Auges eine Rolle? Ist das Alter des Portraitierten ausschlaggebend? Sind Wimpern und Augenbrauen Elemente mit Einfluss auf unser Urteil? Ist es allein die Stimmung, die im Blick des aufgenommenen Menschen für Zustimmung oder Ablehnung im Betrachter sorgt, für eine Empathie, die die vielleicht entscheidenden Gefühle in uns auslöst? Stimmung kann viele Saiten spielen. Was zählt in einem Bild? Eine genau bestimmbare Emotion? Oder kann es undifferenziert sein, vage, eine weit zu interpretierende Mimik, vielleicht wie Mona Lisa?

Was spricht wen in welcher Situation in welcher Weise an? Welche Aussagen bewegen? Wie darf, soll, muss ein Blick sein? Traurig, melancholisch, trübe oder lustig, vergnügt, heiter? Vielleicht lasziv, sexy, provokant oder unschuldig, verletzt, hilflos? Lieber stark, unabhängig, heroisch oder weise, klug, in sich ruhend? Die Leistung eines Models ist überaus bedeutsam, wenn es solche und viele weitere Emotionen mimisch wiederzugeben in der Lage ist, was nur sehr vereinzelt der Fall ist. Für ein einzelnes Bild ist es authentisch, wenn ein Mensch auf dem Portrait eine dieser Eigenschaften verkörpert, dann funktioniert aber auch nur diese eine, selten mehr. Das nur am Rande.

Was wirkt nun, wenn es über den Blick, mit dem Auge als nur eine Quelle der Emotionen, hinaus die Gesichtsmuskeln sind, in Kombination mit dem Mund, als zweitwichtigstes Element der Mimik. Viele Kombinationen von Emotionen über Auge und Mund auf einem Bild sind möglich. Dabei geht es von widersprüchlich über neutral oder gleichbedeutend bis hin zu übertrieben, jede Nuance kann die Aussage verändern.

Zurück zum Ausgangspunkt: wenn es mehr als nur ein Gesicht ist, das auf einer Fotografie abgebildet ist, welchen Mehrwert, welche zusätzliche Aussage begleitet die Idee? Sehr viele Fotografen zeigen eine tolle Location, das Naturschöne kommt zum Portrait hinzu. Oder eine Bildidee fordert eine bestimmte Kleidung. Dadurch wird mehr als nur ein Gesicht vom Körper des Menschen gezeigt. Ich klammere hier ganz bewusst jede Art von Fashion oder Glamour aus, dabei spielt der Mensch nur eine untergeordnete Rolle, solange Maße, Symmetrie und Proportionen passen. Mir geht es hier um künstlerisch orientierte Fotografie, aber das dürfte klar sein. In welchen Fällen ist nicht weniger mehr, wann kann mehr mehr sein? Hin und wieder ist es sicher zutreffend. Dazu mehr in Teil 3 dieses kleinen Essays.

Von der Kunst des Weglassens, Teil 1

Üblicherweise trifft ein Bild eine Aussage. Es zeigt etwas, das der Fotograf wert erachtete festzuhalten und zu präsentieren. Bei einem Portrait einer Person ist es der Mensch vor der Kamera, mit seinen Besonderheiten, seinen Formen und Proportionen, seinen Gesichtszügen und seiner Kleidung, zurecht gemacht oder natürlich, sein Ausdruck. Bei einem Ganzkörper-Portrait ist mehr vom Menschen zu erkennen, als beim klassischen Portrait, auf dem hauptsächlich das Gesicht abgebildet wird. Der Mensch als visuelles Wesen unterliegt trotz viele Jahrtausende andauernder Entwicklung noch immer rudimentären Reizen und Trieben, nach denen er handelt, beziehungsweise denen er in jeder erdenklichen Weise folgt.

Auch bei der Betrachtung einer Fotografie ist es nicht verwunderlich, dass ihr ein großes Maß an Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn eine solche die allseitig bekannten Schlüsselreize anspricht. Bei einem Portrait gilt das Auge des Portraitierten für den Menschen als wichtigster Part. Jedoch nicht nur die Augen, auch andere Partien des Gesichts und des Körpers weisen diese Auslöser für diese Empfindung im Betrachter auf. Sind sie erkennbar, oder werden sie vielleicht sogar etwas überzeichnet, so ist die Aufmerksamkeit nahezu garantiert. Nicht, dass die Aufmerksamkeit nicht auch schnell wieder abebbt, aber zunächst wirken die Reizinformationen unweigerlich auf unsere Rezeptoren.

Nun ist es aber so, dass der Mensch nicht unendlich viele Impressionen gleichzeitig oder kurz hintereinander aufnehmen kann. Er ist schnell überfordert, wenn sein Filtersystem nicht mehr in der Lage ist, die Flut an Informationen zu verarbeiten. Als Folge kommt es -wiederum reaktiv und intuitiv- zu einer Verweigerungshaltung, die, ganz klassisch, entweder in Flucht oder Angriff mündet. (Natürlich kommt hin und wieder eine Übersprunghandlung vor.)

Wie äußert sich das im Felde der Portraitfotografie? Es gibt das Foto. Auf diesem ist ein Bildnis eines Menschen zu erkennen. Findet das Auge nun zu viele Informationen in diesem Portrait, kommt das Gedächtnis nicht damit zurecht, es wird versuchen, zu sortieren, zu gruppieren, abzuwägen, auszuschließen. Bei einer Überforderung aber wird sich der Mensch schnell abwenden. Er betrachtet ja Fotografien, um sich zu vergnügen. (Außer bei journalistischen Hintergründen) Überforderung bereitet jedoch dem Mensch nur seltenst Vergnügen. Damit verweigert er sich mehr oder weniger offen diesem Werk.

In der Lehre der Fotografie wird häufig die Zahl drei genannt, wenn es um Elemente im Motiv einer Aufnahme geht. Auf höchstens fünf sollte demnach ausgedehnt werden, dies jedoch nur als Ausnahme. Eine größere Anzahl überfordere den Betrachter schnell und ein Foto verlöre so die Aufmerksamkeit. Gehe ich von dieser Vorstellung einmal aus, so stellt sich bei jedem Portrait erneut die Frage, wie viel möchte ich einschließen, was darf ich weglassen, was auf keinen Fall und welche Wirkung möchte ich überhaupt erzielen, welche Aussage gedenke ich zu treffen.

Abgesehen von der Tatsache, dass es für den Betrachter von viel größerer Bedeutung ist, welchen Gesichtsausdruck er erkennt, kann das „Drumherum“ beeinflussen – mal mehr, mal weniger. Um das „weniger“ dreht sich meine Frage, wie wenig ist „weniger“. Als ich in Italien mein Model in die Brandung stellte und wir sage und schreibe 2 Stunden auf die „richtige“ Welle warteten, unzählige Brecher vorher nicht DAS Bild ergaben, fragten wir uns schon, ob das „Drumherum“ so viel der Bildaussage hinzufügen konnte, oder ob nicht weniger auch mehr sein könne. Es kommt drauf an. Ist ja kein Portrait mehr, sagte sie. Ja, stimmt. Was wollten wir also?

Mir gefallen immer wieder Aufnahmen, auf denen nur die Augen zu sehen sind, noch Haare, vielleicht eine sinnvoll eingebaute Hand, Kapuze, Lichtstimmung, das reicht. Manchmal sind es auch Ganzkörper-Portraits. Mit Verkleidung, Makeup, Backlight, usw., es ist viel aufwendiger. Die Frage, die sich bei meinen Portraits immer wieder aufdrängt, ist, ob nicht weniger reichen würde. Worauf kommt es schließlich an? Dem gedanklich näher zu kommen, folge ich in Teil 2 dieses Beitrags.

Kannst Du Deinen Augen trauen?

Richtest du einen kurzen Blick auf das Bild, was erkennst Du? Nicht schwer, oder? Oder doch?

Was ein Betrachter auf einer Fotografie erkennt, ist ersichtlich, oder? Er sieht, was abgebildet ist. Er erkennt, was er sieht und sein Geist ordnet ein, trennt Motiv vom Hintergrund -hoffentlich hat es der Fotograf verstanden, die Prioritäten zu setzen- und der Betrachter blendet all das aus, was nicht von Bedeutung für ihn ist. Er erkennt Punkte und wenn vorhanden, möglicherweise Linien, welche horizontal beruhigend, vertikal energetisch oder diagonal aufwühlend sein können. Er erkennt Farben und Komplementärfarben, blau-beruhigendes, rot-belebendes oder grün-vertrauensvolles. Er differenziert nach Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, wenn diese Ebenen auf der Fläche des Fotos sich überhaupt voneinander abheben. Vielleicht erkennt er Dynamik und Statik, es ist vielleicht eine Bewegung im Bilde wahrzunehmen. Manchmal trennte der Fotograf sein Motiv vom Hintergrund durch eine Unschärfe, dann kann der Betrachter Unscharfes von einem klarem Motiv unterscheiden.

Ist der Betrachter als Adressat für ein Kunstwerke eine vollkommen vom Künstler losgelöste Person? Ein Kunstwerk, auch in Form einer Fotografie, ist zunächst losgelöst vom Erschaffer zu sehen. Es spricht seine ganz eigene Sprache. Auch wenn der Künstler in seinem Werk seine Handschrift noch so genau verewigt hat, im Moment der Entdeckung durch den Betrachter nimmt dieser nur jenes wahr. Was er sieht, was er versteht, dessen Sprache er mächtig ist, kann er aufnehmen. Die Töne spürend, die durch die Schwingungen des Kunstwerkes in ihm seine Saiten berührt, diese vernimmt er.

Nicht immer korrespondieren Botschaft und Nachricht, Aussage und Statement, Gefühl und Idee zwischen Urheber und Konsument mittels Werk. Wozu aber fertigt der Künstler sein Werk? Wozu betrachtet der Besucher ein Werk? Zwischen zufälligem Blick und gezielter Suche, zwischen öffentlicher Publikation und ausgestelltem Werkstück, zwischen Massenware und ausgesuchter Präsenz sucht ein Werk die Betrachter anzusprechen. Es strebt nach Aufmerksamkeit, einen Weg in das Bewusstsein desjenigen sich bahnend, der hinsieht. Wie weit reichend es verstanden wird, letztendlich akzeptiert wird oder nicht, kann tatsächlich davon abhängen, in wie weit ein Werk allgemeingültigen Wertvorstellungen entspricht oder nicht.

Ist wahre Kunst ausgenommen vom potentiellen Adressaten? Interessiert den wahren Künstler nicht im Geringsten, wie ein Werk wahrgenommen wird? Ist es ausschließlich ein Abbild seiner inneren Idee, ohne einen Bezug auf einen möglichen Betrachter zu nehmen, beziehungsweise an einen möglichen Adressaten auch nur zu denken? Oder fertigt der Künstler seine Kunst nur für ein gezieltes Publikum an? Ist es dann noch Kunst? Eine immer wiederkehrende Frage, ungelöst und vielfach beantwortet.

Eine Fotografie dokumentiert, bildet Vorhandenes ab. Sie gibt einen Ausschnitt aus Sichtbarem wieder. Was sie aber wie präsentiert, ist nicht immer gleich erkennbar und bedarf des Öfteren einen zweiten Blick. Die Fotografie hier im Beitrag zeigt ein Spiegelbild einer jungen Frau. Eine Wasserstelle mit Herbstlaub, welches wie zu schweben scheint, diente als Spiegelfläche. Dadurch wird das Fotomodel spiegelverkehrt abgebildet, auch der Baum im Hintergrund, dessen Ast die Form des Menschen so schön umschließt, ist eine Spiegelung. Verkehrt herum, und doch einer klarer Aussage fähig: Ein Model sitzt angelehnt an einer Stufe, schützt die Augen vor der Sonne und schaut herüber. Entspannt an einem Herbsttag in der urbanen Natur im noch wärmenden Sonnenschein relaxen, genießen, einfach sein, nichts Spektakuläres erfährt der Betrachter hier. Das Bild ist nahezu unbearbeitet außer einem Beschnitt, sowie die Schatten wurden etwas aufgehellt.

Damit trennen sich Realität und Fiktion, Wirklichkeit und Erlebtes (zusammen und im Prinzip) nicht. Es existiert kein Unterschied in der Bildaussage, denn es ist zunächst nicht von Bedeutung, ob es ein Spiegelbild ist, oder nicht. „Mensch draußen in der Natur im Herbst“. Nur die an der Wasseroberfläche schwimmenden Blätter geben einen vagen Hinweis auf eine besondere Situation, die dem aufmerksamen Betrachter etwas mehr zeigt und vielleicht einen Denkprozess anregt und Neugier erweckt. Wenn ein Bild etwas aussagen soll, etwas über das Alltägliche hinaus, etwas, was es Wert wäre, zu zeigen, zu sagen, „Schau mal hier, ist es nicht eine ganz leicht andere Art und Weise die Dinge zu sehen?“, erweitert es auf diese Weise den eigenen Horizont? Bleibe lieber ungewöhnlich!

Die Erwiderung – Das Lachen (Shortstory)

Ich schlendre durch die Straßen von Intra. Ein Ort in Italien in der Provinz Piemont direkt am Lago Maggiore. Es ist Spätsommer. Bald ist Herbstbeginn. Die Menschen beleben an diesem Mittwoch Nachmittag die Stadt, voll aber kommt es mir nicht vor.

Die Septembersonne erwärmte über den Tag hinweg die engen, aber entspannt geschäftigen Gassen der Altstadt. Ein Schokoladen-Markt findet gerade statt. Confiserien aus der Region gastieren an diesem Tag verteilt auf ausgewählte Bereiche der Innenstadt, von unten entlang der Uferpromenade des Lago, durch den historischen Altstadtkern bis hinauf zum Platz des Domes auf dem Hügel. Die Stände der Händler bieten alle erdenklichen Sorten und Formen von Schokolade feil, man wird ganz unaufdringlich eingeladen zu kosten.

Irgendwann sitze ich wieder mal im Caffé Milano am Piazza Daniele Ranzoni. Durch den Corso zwischen Ort und See ist es zeitweise etwas lauter, aber dennoch ungemein gemütlich. Zwei, drei Kaffee Latte, auch mal ein Caffé Ginseng, überaus süß, wenn man es nicht besser weiß, und umrührt, schmecken sehr gut. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages streifen meine Haut, wärmen angenehm und wohltuend.

Einige Zeit später erreicht mich der Schatten der Häuser und Berge im Westen, die Sonne geht langsam unter. Die Menschen suchen noch die langgezogene Pier am Hafen auf, wo die untergehende Sonne der Stadt den letzten Besuch am Tage abstattet, bevor sie hinter den Bergen in wonnigem Licht untergeht. Ich stehe auf, begebe mich langsam in Richtung nach Hause, am Ufer des Lago Maggiore entlang. Die Berge am gegenüberliegenden Ostufer, gerade noch in gleißend gelborangenem Sonnenlicht getaucht, bewundere ich das für das Auge und die Seele so verführerische Szenario.

Auf dem Wege fällt mir irgendwann eine junge Frau auf. Sie wartet, wie sich später herausstellen sollte, auf den Bus. Auffallend an ihr war ihr Haar, das zu vielen, farblich hell und dunkel nuancierten Zöpfen gefilzt war, dazu in Verbindung mit einem sehr offenen, wachen Blick in die Weltgeschichte blickte. Ich sah sie einen Augenblick an, hob mit fragenden Augen die Kamera, woraufhin sie lächelnd nickte, im nächsten Augenblick aber schon ihr Handy hoch nahm und offensichtlich zu telefonieren begann.

Ich fotografierte sie daraufhin, sie schaute mich dabei an, begann, als ich schon fertig mit der Aufnahme war, freundlich zu lachen und winkte mir mit beiden Händen zu. Ich winkte natürlich freundlich zurück und deutete an, dass ich mich zu ihr herüber begeben würde. Dazu musste ich einige Meter die Straße entlang gehen, um sie überqueren zu können. Das wollte ich umgehend in die Tat umsetzen, ging noch ein Stück weiter entlang des Lago Maggiore zum nächsten Übergang, doch gerade im Moment, als ich queren wollte, kam ihr Bus. Sie stieg ein, der Bus verließ die Haltestelle, die Straße, meinen Blickwinkel.

Damit konnte ich ihr keine Visitenkarte anbieten zu überlassen und nicht erfragen, ob ich gegebenenfalls das Bild von ihr veröffentlichen dürfte. Es war zudem mein letzter Abend in Intra. Am nächsten Tag sollte es wieder zurück nach Deutschland gehen und so geschah es dann auch.

Vielleicht fragen Sie sich an dieser Stelle, lieber Leser, warum sie das Foto der jungen Frau dennoch hier sehen können? Das liegt an der schönen neuen Welt. Wir haben uns jedenfalls für ein Fotoshooting im neuen Jahr, im Frühling in Intra „verabredet“. Wie es kam, und was weiter geschah:

Zurück in Deutschland widmete ich mich wieder dem Alltag, wie fast jeder Mensch es tut. Arbeiten😧, Essen😄, Schlafen….. 😴 und in Zeiten der Entspannung sichtete ich meine Fotos. Ich sortierte aus, archivierte und wählte aus, was für eine weitere Bearbeitung in Frage käme. Auch das Bild der jungen Dame, mit ihrem (für mich) sehr interessanten offenen Wesen war dabei. Einige wenige der Aufnahmen bearbeitete ich daraufhin, um sie teilweise zu veröffentlichen. Unter anderem auf der Plattform Instagram.

Dort veröffentlichte ich meine Bilder. Beim anschließenden entspannenden Stöbern durch die Seiten der Galerien, die unter dem Hashtag „#Lago Maggiore“ sowie „#Intra“ gezeigt wurden, fand ich ihren Account über ein paar Umwege. Nach einer Anfrage von mir kam schnell ein Kontakt zustande. Wir konnten über Instagram problemlos hin und her schreiben, ich durfte ihr das Bild zur Verfügung stellen und wir konnten so eine Verbindung knüpfen, die vielleicht einmal zu einem kleinen Fotoshooting führt.

So spielt das Leben hin und wieder, und ich hoffe, ich konnte mit meinem geschilderten, positiven Erlebnis den ein oder anderen dazu animieren, einfach offen in der Welt zu bleiben und unverbissen höflich das ein oder andere Bild zu erfragen, wenn es in einer besonderen Art und Weise anspricht, begeistert oder auf eine ganz eigene Art und Weise fasziniert.

Der weiße Wolf – Guardian of the Elves

Fotoshooting Mayen Koblenz Portrait tfp

Fotografie als Flucht aus dem Alltag?

Kann meine Fotografie eine Suche nach dem Schönen sein, weil mich das schnöde Alltägliche alltäglich umgibt? Bedeutet das Erstellen eines Lichtbildes eine Identifikation mit der Idee des Inhalts? Für mich gibt es im Alltäglichen viel Schönes! Der morgendliche rote Himmel, so gestehe ich hier, fasziniert mich nach all den Jahren noch immer. Gleichsam die blühende Wicke an des Nachbars Gartenzaun mich mit ihren Blüten jedes Jahr auf’s neue bezaubert.

Bilder bestimmter Machart erfreuen mich, wenn ich sie betrachten darf. Das ist ganz unabhängig davon, wer sie fertigte. Öffne ich das weltweite Netz, suche die entsprechenden Quellen auf, blättere in ihnen, finde dabei immer mal wieder ein Bild, das mich zum verweilen einlädt, so mache ich das sehr gerne. Früher suchte ich andere Marktplätze auf. Eine Buchhandlung, zum Beispiel, oder eine Bücherbörse, den Berliner Buchmarkt am Bodemuseum, den Düsseldorfer Trödelmarkt am Aachener Platz oder die Bouquinisten am Pariser Seine Ufer.

Ob es dann ein Bildband von David Hamilton, eine Ausgabe der französischen Zeitschrift „Lui“ oder der „Photographie“, sogar hin und wieder eine Ausgabe der Modezeitschrift „Marie Claire“, ein Buch von Andreas Feininger oder Michael Gnade war, das mich inspirierte, es war fast immer etwas gedrucktes. Diese Bücher besitze ich noch heute und sehe manche davon immer wieder mal durch.

Diese Quellen der Inspiration existieren weiter, nur das www macht es einem vermeintlich leichter, mal eben so, nebenher, wo auch immer, wann auch immer, sein Smartphone, Tablett oder Rechner zu aktivieren, und „Bildchen“ zu gucken. Unzählige Plattformen buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Ob Pinterest oder WeHeartIt als Kataloge, ob Flickr oder 500px als Fotoalben der Fotografierenden, ob Facebook oder Google+ als Social Media Fotoansammlungen oder Fotocommunities wie die fc oder Instagram, überall können wir Bildchen angucken, noch und nöcher. Instagram schafft es dabei sogar verschiedene Konzepte auf einfache und sinnvolle Weise zu verbinden, das nicht mal schlecht, wovon die fc noch meilenweit entfernt ist.

Doch warum schrieb ich oben „vermeintlich leichter„? Es geht tatsächlich um etwas Dramatisches. Man könnte es unter dem Begriff „Schule des Sehens“ erfassen. Ein Foto, das in ein Buch aufgenommen wird, durchläuft gemeinhin einige mehr oder weniger strenge „Filter“. Ob und wie sinnvoll diese sind, welchem Zweck sie dienen und ob sie stets gerechtfertigt sind mag hier als nebensächlich abgetan werden. Allein die Anwendung dieser Filter führte dazu, dass meist eine gewisse Qualität der Bilder zu erkennen war. Das ist im www deutlich anders. Jeder, auch du und ich, kann jedes Bild veröffentlichen. Ungeachtet jedweder Güte oder Idee hinter einer Fotografie kommt alles für jedermann und jederzeit verfügbar an die Öffentlichkeit.

Der Mensch ist grundsätzlich und in erster Linie ein zutiefst visuelles Wesen. Unser Sehsinn ist die stärkste Kraft unserer Sinne. Sie löst die intensivsten Emotionen aus und sie ist es auch, die, durch unsere angeborene Neugier, die überhaupt erst eine Entwicklung des Menschen ermöglichte, immer nach neuen Eindrücken sucht. Zeigt sich dem Menschen immer das gleiche Bild vor Augen, so kommt es zu einem unvermeidlichen Automatismus: wir sehen es irgendwann nicht mehr.

Und hier liegt die Krux: Die Schule des Sehens läuft immerzu fort und die Inhalte, der Lehrstoff, der uns Schülern des Lebens geboten wird, entscheidet über unsere Bildung und Zukunft. Wie viele Fotos scrollen wir durch, nehmen wir wahr, sortieren wir aus, um solche zu finden, die uns ansprechen? Was passiert mit uns, während wir all jene Bilder durchblättern, jene hunderte auf all den oben genannten Plattformen und anderen nichtgenannten, die wir vielleicht täglich besuchen; checken, ob neues gepostet wurde und klicken auf Links, über die wir benachrichtigt wurden, dass etwas neues online ist?

Wie verändert sich deine Wahrnehmung, in welcher Klasse der Schule des Sehens bist du angekommen?