Nähe und Weite

Nähe und Weite. Ein Blick erreicht Dich. Du siehst die Augen. Nähe. – – Du siehst einen Menschen, seine Statur, seine Körperhaltung, seine Proportionen. Keinen Blick, keine Augen. Weite.

Ein wesentlicher Unterschied auf Bildnissen von Menschen kann die Distanz zwischen Model und Fotograf sein. Eine gänzlich andere Bildaussage entsteht durch die unterschiedlichen Entfernungen. Die Distanz stellt sich als ein wesentliches Mittel zur Verfügung, eine Botschaft im Bild zu erschaffen. Wie weit entferne ich mich vom Menschen vor der Kamera, um dem Bild jene Aussage zu verleihen, die in meinem Gefühl entstand? Von einem Körperteil (Bodypart in fotografisch übersetzt 😊) ausgehend, mit Blick oder vollkommen anonym beginnt das Bild zu erzählen, findet immer andere Gedanken und Gefühle je nach Veränderung der Entfernung, dies alles geschieht immer im Pendel über Gesichtsausdruck und Anonymität. Schon die wilden Haare im Gesicht, die nur einen sehr begrenzten Blick auf den Ausdruck gewähren, verändern eine Botschaft mit Nachdruck. Unter Umständen erkennt man die Person auf dem Bilde nicht mehr, sollte ein wesentlicher Teil des Gesichts verdeckt sein.

Nicht aber um Blick oder nicht Blick soll es hier gehen, das habe ich bereits in einem Artikel vorher beschrieben. Es soll um die Wirkung von Distanz gehen. Was bewirkt eine zunehmende Distanz? Sie geht immer einher mit einer Addition von Bildelementen. Je weiter ich mich vom Motiv entferne, desto mehr „Drumherum“ kommt in den Bildausschnitt. (Ich spreche jetzt nicht vom gleichzeitigen Wechsel der Optik zum Tele hin.) Eine Zunahme an Bildinhalten kann bishin zu einer totalen Überfrachtung führen. Es entstehen folglich Fragen nach der Sinnhaftigkeit bestimmter Bestandteile einer Aufnahme. Warum musste dies oder jenes auf der Aufnahme sein? Wäre sie nicht viel besser geworden, hätte man das ein oder andere ausgespart und wäre näher ans Motiv heran gegangen? Schließlich handelt es sich dabei um einen DER populärtrivialen Leitsätze der Fotografie: „Ist Dein Bild nicht gut genug, warst Du nicht nah genug dran!“

Was aber verändert sich mit zunehmender Distanz zum Menschen, meinem Motiv? Immer mehr des Körpers wird sichtbar. Ein Arm, ein Bein, Teile des Torso, bis schließlich der ganze Mensch sichtbar ist. Anschließend erscheinen immer mehr Bestandteile der Location im Bild, wenn nichts gerade unendliche Weite den Hintergrund beherrscht.

Was erscheint auf meinem Bild? Eine Brücke, eine Wand, ein Haus, eine Skyline? Ein Baum, eine Pflanze, ein Bergrücken? Ein Schloss, ein Abgrund, ein Wasserfall? Ein Eisberg, eine Düne, eine Wurzel? Oder das, was Dir noch in den Sinn kommt. Bleibt der Mensch bis zu einem gewissen Punkt noch das Hauptmotiv, so wechselt das irgendwann, und ein Mensch scheint nur noch Beiwerk zu werden. Kommt es zu Beginn, einer kleinen Distanz, noch auf Hautreinheit (⚠ Achtung: hat für mich definitiv nichts mit dem Alter des Menschen vor der Kamera zu tun! ⚠) an, gerät zunehmend mehr der Fokus des Betrachters auf Proportionen und Perspektive. Weiter entfernend wechselt die Aufmerksamkeit immer mehr in Richtung gesamte Erscheinung. Dinge wie etwa Outfit und Accessoires (Ob Kleinteile wie Buch, Schirm, oder Pflanze und größere Objekte wie etwa Auto, Felsen oder Segelboot) buhlen um die Aufmerksamkeit mit dem Menschen. Das geht so lange, bis es das Gleichgewicht vollends kippt und der Mensch in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Worauf kommt es also an?

Wie immer kommt es in erster Linie und letztlich auf die Bildaussage an. Was möchte ich mit meinem Werk ausdrücken? Welche Botschaft soll es beeinhalten? Welchem Gefühl will ich Ausdruck verleihen? Daraufhin folgt die Überlegung, ab welcher Distanz es unmöglich wird, gewisse Gefühle zu vermitteln, weil zuviel des Guten gewollt war? In wie weit kann ich ein Gefühl mit einer Pose und einem Blick oder einem abgewandten solchen erzeugen? Es gibt kein Patentrezept dafür, zumindest ist mir keines bekannt. Ich kenne eine Reihe von Bildern bekannter Fotografen und einiger Geheimtipps, die keinem Muster für Entfernung zwischen Fotograf und Model entsprechen. Gut so. Meine ich. Denn jeder dieser Highlights (damit sind jene meiner ganz persönlichen Ansicht nach gemeint!) birgt eine andere Distanz zwischen Fotograf und Mensch. Was diese Bilder ausmacht ist ein Gefühl der Begeisterung, das sie in mir auslösen. Sind manche Menschen weiter entfernt, manche näher, so kommt es vermutlich auf genau dieses Gefühl an, das sich auch am Set jeweils durchsetzt, denn ich stehe nicht da und denke vor einer Aufnahme über die Entfernung nach sondern folge einer Intuition. Als ich vor über 30 Jahren mit der Fotografie begann war es vermutlich manchmal anders, wie ich auch heute noch bewusst gewisse Parameter rein vom technischen Standpunkt her variiere, doch die intuitive Arbeit bleibt jene mit den gefühlvollsten Ergebnissen. Diese folgt manchmal auf die bewussten technischen Veränderungen, klar, aber letzten Endes gibt der Sucher das Preis, was ich fühle! Klick! 😊

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Intermezzo: Ein Baum ist ein Baum, oder vielleicht doch nicht?

Was sehe ich – Was ist da?

Vorhanden ist Subjektivität. Jeder persönlich hat seinen eigenen Standpunkt. Jede unterschiedliche Person, wie auch jede einzelne Instanz. Zunächst ganz ohne „RICHTIG“, ohne „FALSCH“. Es ist das, was es ist! Doch was ist es? Ist es das, was Du erkennst oder das, was Du erkennen willst, solltest, darfst, musst?

Ein Baum ist ein Baum. Ein Baum besitzt Attribute. Ein Baum kann klein sein. Er kann groß sein. Bereits ab diesem Adjektiv beginnt es: Was bedeutet für Dich klein? Was bedeutet für Dich groß? Der Baum ist wie er ist, er weiß nichts von Größe. Du kannst es ihm sagen, er versteht Dich nicht. Ein Baum kann belaubt sein oder sein Winterkleid tragen. Er kann das Licht der Sonnenstrahlen durchlassen oder Schatten spenden. Was ist für Dich gerade das Richtige?

Ist es ein heißer Sommertag, die Luft scheint zu glühen, kein Lüftchen bewegt sich? Keine Wolke ist am weiten, blauen Himmel zu sehen. Du stehst in der Nähe eines riesigen Baumes. Was denkst Du?

Es ist Winter, eine klirrende Kälte macht sich breit, Deine Kleidung wärmt Dich ob der tiefen Temperaturen nur mäßig. Der Himmel ist blau, soweit das Auge reicht. Du stehst im Windschatten nahe eines Baumes. Keine Blätter zieren ihn. Was denkst Du?

Es ist Sommer. Du liebst Dein Haus am Hang mit Blick auf die historische Altstadt. Deshalb hast Du schließlich dieses Grundstück gewählt. Deine Nachbarn unterhalb lieben die Natur, sie leben in einer tiefen Verbundenheit zur Botanik, bepflanzten vor Jahrzehnten schon ihren Garten mit seltenen, wunderschön blühenden Bäumen. Diese sind mittlerweile so groß geworden, dass Du Deine Blicke auf das Leben und Treiben in der historischen Altstadt nur noch sehr eingeschränkt schweifen lassen kannst. Was denkst Du?

Ein Baum ist ein Baum. Er weiß nichts von Beziehungen zu anderen Wesen.

Du hast ein tolles neues Auto gekauft. Hast lange dafür gearbeitet, gespart, gesucht, bis Du es schließlich geschafft hast. Es ist nun Dein Wagen. In der Stadt nahe Deiner Eigentumswohnung sind die Parkplätze sehr rar, es gibt Parkausweise für bestimmte Bereiche. Davon besitzt Du schon längst einen. Eines Morgens im Spätsommer kommst Du zu Deinem Auto. Es ist überzogen mit einer dünnen, aber sehr klebrigen Schicht, die sich kaum ablösen lässt. Du bist erst erschrocken, auch erstaunt, zunächst ratlos, dann gehen Deine Blicke nach oben.

300 Jahre zuvor. Es regnet. Die Bewohner der Stadt, die damals noch Dorf war, sitzen zusammen, überlegen, was sie machen wollen, denn jedes Mal, wenn sie zum Bäcker am Ende der Straße gehen wollen und das Wetter es nicht gut mit Ihnen meint, sind sie nass und beginnen zu frieren. Das könnte man doch ändern. Sie überlegen gemeinsam und kommen zu einer einfachen und kostenlosen Lösung: Sie gehen in den Wald, suchen sich einige Lindensämlinge und pflanzen sie voller Stolz auf ihre Straße. Einige Jahre später ist ihre Aktion von Erfolg gekrönt. Ein Weg, nahezu trocken zum Bäcker und zurück.

Ein Baum ist ein Baum. Sonst nichts. Für Dich kann er mit vielen Attributen belegt werden, er kann für Dich individuelle Eigenschaften besitzen. Er kann Schutz bieten oder ein Ärgernis sein, er selbst jedoch weiß davon nichts. Du zunächst vielleicht auch nichts. Bis man Dir sagt, was es sein könnte. Was darf, was soll, was kann. Und Du? Was reflektierst Du?

Was ist ein Baum für Dich?

Oder ein Mensch?

Oder ein Bild?

Oder eine Idee?

Warum ein Bild mehr kann

Der Wille, Kunst zu erschaffen, das Vorhaben, auf einer Fotografie jene Gefühle eines Menschen sichtbar zu machen, die das Wesen ausmachen, dies ist ein Unterfangen, welches, mit Hingabe gestaltet, sich in eindrucksvoller Weise manifestiert.

Welcher Mittel bedarf es, dieses Gefühl in ein Bild zu transferieren? In meinen vorherigen Artikeln habe ich bereits dieses Thema angeschnitten. Dort ging es zunächst um die Bedeutung der Bildinhalte sowie der Bedingungen und Voraussetzungen bei der Erstellung eines Bildes. Ich fragte danach, was notwendig ist, um einem Bild eine Bedeutung zu verleihen, vielleicht eine Geschichte zu implementieren. Ist neben Model und Fotograf eine ganze Mannschaft aus Stylisten, Makeup-Artisten, Co-Fotografen und Assistenten notwendig oder reichen Fotograf und Model? Ist eine Kamera genug, oder ist umfangreiches Equipment gefragt? Ist eine besondere Location eine unbedingte Voraussetzung oder ist diese untergeordnet? Sind das Outfit und Accessoires erst die Zutaten, die eine Bildaussage erzeugen oder sind sie obsolet? Hier im heutigen Artikel gehe ich einem weiteren, anderen Aspekt nach, nämlich der Bedeutung der Einstellung der Beteiligten. Was hat welche Auswirkungen? Welche Einstellung spiegelt sich in der Aufnahme wieder, gezielt oder unwillkürlich, unweigerlich?

Vieles wurde bereits über die Wirkung berühmter Fotografien beschrieben. Einerseits waren es Kritiker und Journalisten, Künstler und Biografen, Kollegen oder Fotografen selbst, die ein Bild erläuterten, die Entstehung erklärten, die sinnierten über Wirkungsweisen auf die verschiedensten Betrachter. Auf der anderen Seite erfassen Menschen eine Bildaussage unter dem Einfluß ihres Erfahrungsschatzes sowie ihrer momentanen Stimmungslage. Dafür jedoch erschaffen die Künstler das Bild eigentlich und in erster Linie nicht, auch wenn eine Botschaft immer enthalten ist.

Wie könnte die Erstellung eines Kunstwerks, einer Fotografie, die den Anspruch hat, mehr als nur ein Foto zu sein, ablaufen? Zunächst wird ein Bild in der Vorstellung erdacht oder empfunden. Jemand erhält durch einen ganz beliebigen Reiz eine Inspiration. Das kann unter anderem ein Bild sein oder vielleicht eine Begebenheit. Eine Szene aus der Schönheit der Natur kann derart inspirieren, dass diese Empfindung einen wahren Pool an Ideen zur Bildgestaltung ergibt. Ein einziger Blick eines Menschen kann eine solche Tiefe erzeugen, dass das Gefühl darüber in schier unendlichen Facetten einen Widerhall erfährt, der die Grundlage ganzer fotografischer Reihen ergibt. Man begibt sich sozusagen auf die Suche nach dem Gral. 😊 [Das Gefühl beschleicht mich manchmal tatsächlich.]

Jenes daraufhin entstandene Gefühl will nun mit dem Ausdrucksmittel der Fotografie umgesetzt werden. Kommt bei einem Fotografen oder Model diese Idee auf, so wird für die Umsetzung der jeweils andere benötigt. Zu diesem Zeitpunkt entstehen unter anderem zwei essentielle Zielsetzungen:

  1. Einen passenden Menschen für das Vorhaben zu finden ist nicht immer ganz leicht. Ein Partner wäre wünschenswert, der die notwendigen (Soft) Skills besitzt. Dabei geht es weniger um technische Fragen oder die Beherrschung derselben. Es geht mehr darum, eine Person zu finden, welcher die Idee und das Gefühl für die Umsetzung der Idee adäquat vorschwebt. Ein Partner, der sich in eine Idee hineinversetzen kann. Idee und Wesen der Protagonisten sollten möglichst gut zueinander passen, je besser wird das Werk.
  2. Die Menschen sollten während der Zusammenarbeit in der Lage sein, dieses Gefühl abrufen zu können, erkennen zu können. Aber nicht nur. Zu wissen, wie bestimmte Stimmungen erzeugt, unterstützt, verstärkt oder abgeschwächt werden können ist absolut hilfreich. Sicher ist gleichsam mit technischen Mitteln, wie etwa der Lichtsetzung oder der Perspektive eine Stimmung zu beeinflussen, doch das Hauptmerkmal liegt für mich in der Empfindung und Wiedergabe einer Stimmung, das Spiel von Mimik und Ausdruck, Blick oder Körperhaltung, gerade auch die Erkennung derselben, um anzuleiten, das macht eine effektive Zusammenarbeit aus. Sie entsteht unter anderem aus einer guten Kommunikation zwischen den Ausführenden.

Accessoires und Kleidung, ich nannte sie oben bereits, bleiben Stilmittel von entscheidendem Einfluss, das vermittelte Gefühl aber entscheidet für mich über Gedeih und Verderb. Es nutzen die ausgefallensten Klamotten nichts, wenn ein Gesichtsausdruck eine andere Geschichte erzählt. Die dramatischste Lichtsetzung hilft nichts bei der Suche nach einem Gefühl, wenn die Augen des Models auf eine andere Stelle der Story blicken und natürlich umgekehrt. Die falsche Perspektive der Kamera beschneidet einer exklusiven Mimik ihre Aussage um ihre vielleicht entscheidende Kraft. Wie man es auch dreht und wendet, es kommt auf eine gemeinsame Ebene an, auf der eine Zusammenarbeit fußt.

Wie erreiche ich eine solche gemeinsame Basis? Ab welcher Art von Bildern ist sie überhaupt notwendig? Wie so oft läuft ein Shooting nach dem immer gleichen Prinzip ab, dass gewiss jeder schon erlebt hat: es finden sich mindestens zwei Partner, die sich vorgenommen haben, Bilder zu erstellen, man spricht über Ideen und Vorstellungen, jeder bringt Vorschläge ein, und es wird fotografiert. Es entstehen mehr oder weniger gefällige Aufnahmen, die durch die Bildbearbeitung weiter behandelt werden, wodurch manch einer denkt, dass sie ein gewisses Niveau erreichen. Sie werden in einem der sozialen Netzwerke veröffentlicht, erhalten Likes und Kommentare, bis sie anschließend im Nirvana des www untergehen.

Sollte dies mit künstlerischen Bildern anders sein? Haben Aktbilder im www und anderen Kanälen eine deutlich höhere Halbwertszeit? Werden Bilder berühmter Künstler unterschiedlich wahrgenommen? Wie sieht es mit Deinen Werken aus? Sind 50 Likes, 500 Likes oder 5000 Likes Deine Währung? Oder reicht ein einziges Like von der „richtigen“ Instanz? Im vorherigen Abschnitt schrieb ich, dass ein Künstler in erster Linie die Bilder nicht erschafft, um Likes oder Berühmtheit zu erlangen. Sollte es zuerst ein Ausdrucksmittel sein, ein Ausdrucksmittel zur Vermittlung einer Idee, eines Gefühls, einer Botschaft? Ist Kunst ein Weg, dieses zu verwirklichen? Für mich ist es so!

Zurück zur Ausgangsüberlegung: Welche Voraussetzungen sind notwendig zur Erstellung einer künstlerischen Fotografie? Abseits der üblichen vielerorts verbreiteten Bilder von Menschen sind vielleicht eine stärkere Vorbereitung, eine tiefere Absprache, eine genauere Beschreibung der Ideen notwendig, vielleicht auch eine verständigere Harmonie unter den Beteiligten. Wohin der Weg und wie er verläuft, diese Leitfragen sollten ein gemeinsames Ziel darstellen, dann ergibt sich eine großartige Synergie. Das zu finden ist in Zeiten einer scheinbar immer schwieriger werdenden Kommunikationsfähigkeit nicht einfach! Aber möglich. Meine ich.

Die Zeit der Bilder

Wir schwelgen in Bildern. Momente des Vergessenen besuchen unseren Geist, beflügeln unsere Erinnerungen, lassen uns unsere Gefühle erspüren.

Der Moment der Entstehung jener Aufnahmen, die wir einst mit Wehmut betrachten werden, unser jetzt, unser hier, die Gegenwart, ist fest Eingebunden in einer tiefen Alltäglichkeit. Nichts lässt uns ahnen, welcher Moment, ja sogar welcher Zeitraum einst zur Bedeutung gereichen könnte. Wie auch, da wir hier und jetzt unserem Alltag stets gehorsam Folge leisten. Was für uns heute banale Realität ist, das kann morgen schon den Blick zurück zum herzerwärmenden oder herzzerreissendem Gefühle werden. Die Momente unserer Tage ähneln sich so sehr, dass dieses Funktionieren oftmals einer Trance zu gleichen scheint, die nur hin und wieder durch ein (un-) freudiges Ereignis und gewiss auch uns’ren Urlaub – die Zeit des Nichtstuns für einen Blick in unsere Seele- eine Unterbrechung, erfahren wird.

Manchmal aber, ganz selten, kommt es vor, dass wir uns unserer sehr bewusst sind. Wir werden uns gewahr. Wir begreifen einen einfachen und doch besonderen Moment in seiner Entstehung, und verleihen ihm dadurch eine gesteigerte Aufmerksamkeit. Einige wenige dieser Augenblicke dokumentieren wir vielleicht, ganz gleich, welches Darstellungsmedium mit Hilfe welchen Werkzeugs (Kamera) wir uns dabei bedienen. Wir konservieren einen gelebten, erfahrenen Augenblick als Stütze für unser Gedächtnis, der uns dann wieder gewahr wird, in dem Moment, in dem wir das Werk ansehen. Wir erinnern uns. Ganz deutlich.

Was aber geschieht mit jeder unserer Erinnerungen. Vom Verblassen und Idealisieren ist die Rede, sie variieren dort, wo sich Eindrücke aus dem Hier und Jetzt mit dem Erlebten von damals vermischen. Davon erzählt ein Bild nicht. Erfährt so dein Erlebnis eine stetige Angleichung der Gefühle von einst und jetzt? Ganz ohne Wertung möchte ich es fragen, ich bin zeitlebens dieser Beobachtung auf der Spur und frage mich, welchen Einfluß sie auf unser jetziges Ich hat. Ein Bild hat einen dokumentarischen Charakter, es zeigt eine recht eindeutige Situation, zwar nicht das Danach und das Davor, aber den Ausschnitt des Moments.

Was dieses Bild (für mich) immer hervorrufen kann, ist das Gefühl dieses Moments, jene Empfindung, die herrschte, als die Aufnahme entstand. So wie ein Geruch dieses vermag, ein aufgesuchter Ort und noch viel stärker die Musik. Eine Freude oder ein Schmerz wird wach bei der Betrachtung eines Bildes, nicht ganz unabhängig vom Motiv sicherlich, doch die Szene, der Ort erinnert, gewährt den Gefühlen von damals erneut Einzug in mein Empfinden. Ein Stich im Herzen oder ein Zusammenziehen im Bauch, Gänsehaut oder tiefe Wärme kann die Reaktion sein, die mich aufhorchen lässt, die mich auffordert zu fühlen, zu spüren, was war und was ist.

Von alledem weiß die Gegenwart noch nichts. Sie lebt, sie agiert und reagiert, und je jünger ein Mensch ist, desto seltener kommen solche Gedanken darüber auf. Wie sollte es ein jüngerer Mensch auch ahnen, liegt schließlich noch viel mehr Leben vor ihm, als hinter ihm. Nur ganz selten bekommt man eine Ahnung davon. Es sind manchmal die außergewöhnlichen Momente, aber auch scheinbar völlig triviale Szenen. Es kommt darauf an, sich zu hören, nicht nur die lauten Schreie, sondern die leisen Töne, die vielleicht viel tiefer gehen, als ein noch so lauter Schrei.

Ein Foto aus einer Zeit, von damals, von früher, aus einer Zeit, in der die Gefühle so waren, wie…….?

Wie?

Wie jetzt, vielleicht ist jetzt dieser Augenblick, der später einmal dieses Gefühl in Dir sein wird, in ferner Zukunft, bei deiner Betrachtung des Bildes von heute…. Was fühlst Du?

Phantasie, und nicht Kopfkino!

Aktfotografie, Teilakt oder verdeckter Akt? Ein Mensch befindet sich nackig vor einer Kamera. Er befindet sich nackt vor dem Fotografen und im Besonderen nackt vor sich selbst. Ohne Hüllen oder Verkleidung, so wie man ist, nichts ist zunächst versteckt durch Bekleidung oder Accessoires, Schatten oder Blickwinkel.

Der Ort der Bilderschaffung kann ein Studio sein, schön kann auch Ourdoor sein, in der freien Natur, dabei abgeschieden oder auch nicht. Diese Aktfotografie kann auf vielerlei Weise erstellt werden, und es gibt nachher unendlich Raum für Interpretationen bei der Betrachtung des Bildes. Für mich selbst ist diese Art der Fotografie weder ein Tabu noch etwas, das ich bevorzuge. Es spielen einige Dinge eine größere Rolle als bei herkömmlichen Shootings, andere sind exakt die gleichen, das Vertrauensverhältnis zwischen Fotograf und Model ist immer etwas besonderes. So weit habe ich oberflächlich einiges angerissen, jeder Mensch hat seine eigenen Vorstellungen darüber.

Etwas, das mich jedoch in diesem Zusammenhang immer wieder beschäftigt ist eine eher philosophische Frage, bzw. eine Begrifflichkeit, die ich bei einem Shooting vor einiger Zeit mit meinem Model diskutierte. Wir sprachen über das Thema Aktfotografie, sie wünschte sich ein solches Shooting und wir trafen uns dazu in einem Studio. Begonnen haben wir zunächst mit Lifestyle – Bildern. Wir kannten uns bis dahin noch nicht, und konnten so erfahren, wie wir zusammen arbeiteten und etwas über unser Verständnis von Posen und Bildwirkung, von Gefühlen und wie sie auf den Fotos wirken. Dann sollte es zu den Akt – Bildern kommen und wir stimmten uns ab, bevor wir einige für uns sehr gelungene Aufnahmen verwirklicht haben. Bei diesem Gespräch kamen wir logischerweise auf unsere Vorstellungen von geschmackvollen Akt – Bildern und beschrieben unsere Ideen und Darstellungswünsche sowie die möglichen Wege diese zu erreichen.

Wir kamen relativ schnell darüber überein, dass ein verdeckter (Teil-) Akt für uns in diesem Moment mehr Raum für Interpretationen, für Fantasie und Kreativität, für Neugierde und Spannung lässt als zunächst klassischer Akt. Dabei erläuterte ich meine Gedanken, nämlich dass eine im Licht oder Schatten versteckte unbekleidete Körperpartie wunderbar und mit Leichtigkeit eine Spannung im Bild erzeugen kann, dass die Vorstellung beim Betrachter unendlich Raum lässt für seine eigenen Gedanken und Gefühle. Die pure Nacktheit kann ebenso ihren Reiz haben, durch bestimmte Posen und Blickwinkel kann man ungemein ästhetische Wirkungen erzielen, und klassischer Akt heißt nicht gleich freizügiger Akt, wo es oftmals nur um die Abbildung rudimentäre Schlüsselreize zu gehen scheint. Durch das, was auf einem Bild sichtbar ist, vereint mit dem, was unsichtbar oder nur angedeutet bleibt, bietet ein Bild für mich eine große Freiheit an Betrachtungsweisen. Es gibt, so beschrieb ich meine Idee bei dieser Art der Darstellung, so viele Nuancen und Optionen, dass es eine ungemeine Bereicherung für ein Bild sein kann. Daraufhin entgegnete sie: „Ja, Kopfkino!“

Das verwirrte mich in diesem Moment. Nicht, dass mir dieser Begriff unbekannt sei, aber ich erfragte, wie sie diesen Begriff meinte, worauf sie meinte, ja eben Kopfkino. Da wir uns in der Sache aber einig waren, und neben klassischen Akt – Aufnahmen auch die eben beschriebenen machen wollten, hakte ich nicht weiter nach. Doch es beschäftigte mich auch einige Tage und Wochen später noch immer mal wieder. WARUM?

Geht es nur um die Begrifflichkeit? Ich interpretiere da viel mehr hinein. (Ganz gleich, ob es vielleicht zu viel ist und es der Mehrzahl der Menschen einerlei ist, wie das Kind heißt.) Gestern meinte ein Model zum Thema Akt oder nicht Akt, dass die meisten jungen Männer (18-25 Jahre alt) in ihrem Wirkungskreis ein deutliches Appetenzverhalten an den Tag legten. Die Bedeutung von schön weicht bei überdurchschnittlich vielen dem Gefühl von „geil“ in seiner eigentlichen Bedeutung. Das aber nur am Rande. Für mich liegen Welten zwischen meinem Verständnis von Kopfkino und Phantasie. Dabei siedel ich meine Wertung dieses Begriffes in ästhetisch – moralischer Hinsicht weit unter dem der Phantasie an. (Da ist die Wertung im Geist schon wieder😉) Phantasie hat etwas mit Darstellung und Anmut, mit Zauber der Schönheit und Erhabenheit zu tun, während Kopfkino sich für mich viel mehr aus der Begrifflichkeit „Kino“ erklärt, die immer ein bewegtes Bild meint, eine Aktion suggeriert, die nicht die Passivität in einer Begeisterung und Hingabe an eine Schönheit erlaubt, sondern ein aktives und fortschreitendes Szenario beinhaltet. „Was würde ich machen, wäre ich in der Szene?“

Dies beschreibt den Unterschied ganz gut für mich, denn eine Bewunderung ist nicht gleichzusetzen mit einer Reaktion oder Handlung, meine ich, und genau das suggeriert mir dieser Begriff „Kopfkino“. Wie siehst Du es? Reagiere ich vollkommen überzogen oder gibt es da für Dich eine andere Erläuterung? Was geht in Dir vor, wenn Du Dir solch ein Bild vor Augen führst? Alles viel zu philosophisch? Alles nur Lust? (Sowieso, und Passion natürlich…) Würde mich freuen über Deine Meinung! 😊

P.S. Mein Model auf dem Bild hat nichts mit dem Inhalt der Fragestellung zu tun… ☺

Entwicklung

Schon Jahre, nein, Jahrzehnte lang nehme ich Teil am Spiel der Eitelkeiten, oder auch: am Spiel ‚mit‘ den Eitelkeiten‘. Wie viele Worte über Aussehen und Wirkung, über Schönheit und Ideale, über Unzulänglichkeiten und Makel, über Anerkennung und Unsicherheit wechselte ich mit vielen, vielen Menschen. Und dennoch, es gibt (vielleicht noch) kein Fazit von mir. So wenig, wie es einen Konsens über die Schönheit der Äußerlichkeiten an sich gibt. Narziss lässt grüßen.

Jedem einzelnen dieser schönen Menschen widmete ich einen Teil meiner Zeit und meiner Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit widmete ich ihnen nicht nur während der gemeinsam verbrachten Zeit, sondern auch darüber hinaus. Zeiten, in denen ich über Worte und Taten, über Wünsche und Ängste, über Träume und Ziele und deren Verwirklichung bei diesen Menschen nachdachte, die wir zuvor in unseren Gesprächen zum Thema machten. Auch deshalb beschäftige ich mich gerne mit diesen Eindrücken, um bei unserer nächsten Zusammenkunft vielleicht in der Lage sein zu können, die richtigen Fragen zu stellen.

Interessante Sichtweisen erfuhr ich immer wieder, wurde oftmals überrascht von den tatsächlichen Gefühlen dieser Menschen, die so schier unendlich weite Welten in sich bargen, in ihren Gedanken zwischen Wahrnehmungen und Wirklichkeiten. Und Letzteres steht hier ganz bewusst im Plural. Auch, wenn bei einem ersten Treffen für ein Fotoshooting noch nicht alle Gedanken über Außenwirkung frei geteilt werden, so geschieht doch im Laufe der Stunden durch die ständige Beschäftigung mit dem Aussehen und der Wirkung dessen genau das. Es ist schließlich nicht verwerflich, denn was sonst als die positive und gerichtete Ausstrahlung eines Menschenkindes wird auf einem Foto gezeichnet.

Jede einzelne dieser Begegnungen trug ihren Teil zur Bildung meiner Erfahrungen bei, jede einzelne sorgte beständig für Veränderungen und Revisionen in meinen Ansichten. Andere Treffen erzeugten in mir ein verblüffendes Erstaunen, wieder andere mauerten viel zu schnell ein Dogma, das wir nur langsam durch intensive Begegnungen widerlegen konnten. „Nichts ist, wie es scheint.“ mochte ich wiederholt ausrufen und dennoch zeigte sich mit der Zeit immer deutlicher: Viel mehr ist, wie es scheint, wenn man nur genauer hinsieht.

Es gibt für mich keine Prototypen eines menschlichen Wesens. Vom Verhalten der Menschen her werde ich zwar immer wieder dazu verführt, dies zu glauben, tappe immer wieder in die Falle etwas Bestimmtes zu erkennen, doch erst einen Moment später gelingt mir die Wahrung der nötigen Distanz, um nicht einen Menschen in eine bestimmte Schublade zu manövrieren. Sicher sind wir uns alle ähnlich in unseren Reaktionen und Gedanken, Gefühlen und Ängsten, Wünschen und Neigungen, doch sie sind bei jedem von uns individuell. Auch dann, wenn Eitelkeiten und der Wunsch nach Akzeptanz tief in uns verwurzelt ist, wir so oft so viel häufiger instinktiv reagieren, als uns lieb ist, so sind wir doch denkende Individuen, die wir unser Verhalten kognitiv steuern können, wir durch Vernunft unsere archaischen Gefühle so lenken können, dass wir andere Menschen nicht bedrängen.

Was möchte ich eigentlich mit dieser Einleitung sagen? Es geht mir darum zu beschreiben, dass jeder von uns eine höchst eigene Wahrnehmung seiner Persönlichkeit besitzt, und diese nicht durch Außenstehende einer Reduzierung auf die gerade geläufigen Schemata und Schablonen beschränkt werden sollten. Auch dann nicht, wenn scheinbar bekannte und immer wieder sich wiederholende Verhaltensweisen ein Muster implizieren. Es steht immer eine dem Menschen eigene Entstehungsgeschichte dahinter. Es bildete sich eine eigene Kombination von Gefühlen und Wahrnehmungen, die vielleicht in ein beliebiges und bekanntes Verhaltensmuster mündet, aber in ihrer Bedeutung nicht dem uns bekannten Inhalt entsprechen muss. Daher gebietet es unsere, meine Art der Betrachtung eines Menschen die eventuell vorhandenen Muster zwar zu erkennen, aber dann zu durchbrechen und sich ohne Vorurteile selbst bekannten Verhaltensweisen zu nähern. Nicht immer leicht, suche ich als menschliches Wesen seit Jahrtausenden doch schon immer und überall nach Mustern, um mir die Welt zu vereinfachen, zu verstehen, mir Sicherheit zu verschaffen.

Das nur zur (zu meiner eigenen) Erinnerung! Sei offen und freigeistig!

Assoziationen

Assoziationen zu Bildern, Worten und Gerüchen bilden sich in jedem Menschen innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde.

Was ist eine Assoziation? Ist es eine Verbindung von einer Wahrnehmung zu einem bekannten Gefühl? Was nehmen wir Menschen wahr, was erreicht uns zuerst, wenn uns etwas erreicht? Auf welchem Weg, welcher Rezeptor leitet die Reize in unser Wahrnehmungszentrum? Und damit stellt sich die essentielle Frage: Wo liegt dieses Zentrum? Im Kopf? Im Bauch? Im Herzen? An jedem dieser Orte? Hintereinander oder zugleich? Unterschiedlich intensiv und nachhaltig?

Eine Assoziation bildet sich blitzartig, bleibt mal länger, mal kürzer in uns, sie wird gerne von unserem Verstand kontrolliert und versucht einzuordnen. Welche deiner Assoziationen sind dir bekannt und bewusst? In welchen Bereichen weißt du um deine Verknüpfungen und vielleicht sogar etwas über ihre Herkunft? Wenn du einige Assoziationen mit je einer Erfahrung verbinden kannst, gibt es darunter solche, die du magst, also die ein gutes Gefühl erzeugen und solche die du aufgrund schlechter Gefühle ablehnst? Sind deine dir bekannten Verbindungen aufgrund eines einzigen Erlebnisses entstanden oder waren es derer mehrere?

Gibt es bei dir -ebenso wie bei mir auch- Verbindungen, die Assoziationen zwischen den Wahrnehmungsebenen zulassen? Hast du vielleicht Bauchschmerzen beim Hören ganz bestimmter Musik? Spürst du eine wonnige Wärme beim riechen bestimmter Düfte?

Schier unerklärlich kommen manche Gefühle in uns auf. Wir spüren vielleicht eine totale Tiefenentspannung, und wir können uns im ersten Moment nicht erklären, woraus und warum dieses Gefühl entstand. Ein ungutes Gefühl ist gleichwohl denkbar und wir ahnen nicht, woher es kommt, möchten es regelmäßig jedoch loslassen, suchen zu ergründen, wie es entstand, um es demnächst zu vermeiden.

Fotografien können Träger stärkster Emotionen sein. Aber Bilder können auch ein Exempel der Belanglosigkeit darstellen. Bei jedem Betrachter wecken sie unterschiedliche Assoziationen, auf Bildern mit Darstellungen von Menschen und ihren Ausdrücken spielen viele Faktoren eine Rolle, als stärkster gilt der Gesichtsausdruck. Wir Menschen haben gelernt, welche Gesichtsausdrücke was verheißen, schließlich sind wir als soziale Wesen auf ihr Funtionieren angewiesen, da wir sonst Isolation erfahren. Das aber möchten wir definitiv vermeiden.

Gilt es also zu ergründen, welche Gesichtsausdrücke welche Assoziationen in uns erzeugen, vielleicht noch einen Schritt weiter zu gehen, und die Entstehungsgeschichte derer zu beleuchten, wenn wir verstehen wollen, warum wir wie empfinden. Fotografie kann ein Weg sein. Meine ich. Was ist es für Dich?